Waldkraiburg – Das Freie Landestheater Bayern gastierte mit dem Musical „Titanic“ im nahezu ausverkauften Haus der Kultur – und bescherte dem Publikum einen berührenden, musikalisch hochklassigen Theaterabend.
Ein Stoff wie die „Titanic“ birgt immer ein gewisses Risiko: Zu präsent sind bis heute die Bilder des berühmten Kinofilms mit Leonardo di Caprio und Kate Winslet, zu groß das historische Unglück, als dass man sich ihm leichtfertig nähern dürfte. Umso bemerkenswerter ist, wie überzeugend das Freie Landestheater Bayern mit dem von Julia Dippl inszenierten Musical „Titanic“ seinen ganz eigenen Zugang gefunden hat – fern aller Filmklischees, dafür nah an den historischen Fakten und menschlich berührend.
Das Haus war fast ausverkauft, und das Publikum bekam einen Abend geboten, der in vielerlei Hinsicht auf dem Niveau großer Musicalbühnen lag. Das gilt zunächst für die musikalische Seite: Das Ensemble überzeugte mit starken Stimmen, sauber geführten Chorszenen und solistischen Leistungen, die gleichermaßen Ausdruck, Präsenz und stimmliche Qualität mitbrachten.
Eindrucksvolle Begleitung
durch das Orchester
Auch die musikalische Begleitung durch das hauseigene Orchester trug viel dazu bei, dass die Aufführung so dicht und atmosphärisch wirkte. Gerade in einem Werk wie „Titanic“, das zwischen Aufbruchstimmung, gesellschaftlichem Glanz und existenzieller Bedrohung pendelt, ist diese musikalische Spannweite entscheidend – und sie gelang eindrucksvoll.
Dabei ist dieses Musical eben nicht die Geschichte eines einzelnen Liebespaares, sondern zeichnet ein Panorama der Menschen an Bord: Passagiere verschiedener Klassen, Besatzungsmitglieder, Auswanderer, Wohlhabende, Hoffende, Pflichterfüllte, Überforderte. Genau darin liegt seine Stärke, und genau das arbeitete das Freie Landestheater in seiner Inszenierung sehr klar heraus. Gezeigt wird die Geschichte der Titanic-Katastrophe nicht als bloßes Spektakel, sondern als Mikrokosmos einer Gesellschaft, die sich sicher glaubte und doch auf ein fast unvermeidbares Ende zusteuerte. Das machte den Abend nicht nur spannend, sondern auch berührend – wenn am Ende die Schauspielerinnen und Schauspieler in der letzten Szene am Bühnenrand stehen, dann halten sie große Bilder in den Händen, Foto der verstorbenen Opfer, die von ihnen dargestellt wurden – eine Szene, die noch heute viele Jahrzehnte nach dem Untergang des Ocean-Liners, zu Herzen gehen.
Dass das Freie Landestheater Bayern handwerklich zuverlässig auf hohem Niveau arbeitet, ist bekannt. Auch diesmal bestätigte sich dieser Ruf. Kostüme, Bühnenbild und Personenführung wirkten durchdacht und mit großer Liebe zum Detail gestaltet. Unter der musikalischen Leitung von Stefan Felanoff gehen Musik, Gesang und Schauspiel Hand in Hand. Das Bühnenbild erwies sich dabei als gelungener Rahmen: Es schuf die nötigen Räume und Bilder zwischen dem tiefen Keller der Heizer und den Salons der Ersten Klasse, ohne sich in Äußerlichkeiten zu verlieren, und ließ doch jederzeit das drohende Unheil mitschwingen. so entstand jene eindringliche Atmosphäre, die diese Inszenierung so stark machte.
Beeindruckend war außerdem, wie konsequent die Produktion in ihrer Haltung blieb. Sie suchte nicht die billige Wirkung, sondern vertraute auf die Kraft der Geschichte, der Musik und ihrer Figuren. Das zahlte sich aus. Viele Szenen entwickelten gerade deshalb ihre Wirkung, weil sie nicht übertrieben wurden. Wenn sich die anfängliche Euphorie der Jungfernfahrt langsam in Verunsicherung und schließlich in nackte Angst verwandelt, dann entsteht ein Sog, dem man sich im Zuschauerraum kaum entziehen kann.
Anfängliche Tonprobleme
legen sich
Ein kleiner Kritikpunkt sei dennoch erlaubt: Zu Beginn war die Aussteuerung des Tons nicht ganz glücklich. Einige Mitwirkende waren anfangs auf der Bühne nur schwer zu verstehen. Das ist gerade bei einem Musical, das viel über Text und Figurenzeichnung transportiert, bedauerlich. Allerdings legte sich dieses Problem im weiteren Verlauf, sodass der positive Gesamteindruck dadurch letztlich nicht nachhaltig geschmälert wurde. Und dieser Gesamteindruck war ein sehr guter. Das Freie Landestheater Bayern zeigte einmal mehr, was musikalisches Tourneetheater leisten kann, wenn Können, Sorgfalt und spürbare Leidenschaft zusammenkommen. Diese „Titanic“ war kein Abklatsch bekannter Bilder, sondern eine eigenständige, klug gebaute und emotional packende Produktion. Sie nahm ihr Publikum ernst, setzte auf Qualität statt Effekt und machte aus einem historischen Stoff einen intensiven Theaterabend.
So blieb am Ende vor allem eines: große Anerkennung, ausgedrückt durch begeisterten Beifall für eine Inszenierung, die musikalisch, szenisch und handwerklich überzeugte – und die noch lange nachhallte.