Das bayerische Rotkäppchen und der Wolf mit rasierte Haxn

von Redaktion

Stefan Murr und Heinz-Josef Braun bringen Kinder und Erwachsene im Haberkasten zum Singen, Staunen und Stuhltanzen

Mühldorf – Ein Tisch, zwei Stühle, eine Gitarre, zwei lesende Schauspieler: Das soll eine wurlige Kinderschar nebst Eltern und Großeltern im Haberkasten für eine Stunde bei Laune halten? Dazu mit einem Märchen, das abwechselnd mit schwarzer Pädagogik oder verborgenem sexuellem Hintergrund in Verbindung gebracht wird?

Keine zwei Minuten und die Angst der einen vor Langeweile und die Angst der anderen vor dem bösen Wolf war verschwunden. Die versierten, aber offensichtlich Kind gebliebenen Schauspieler Stefan Murr und Heinz-Josef Braun tragen mit viel Interaktion und lustigen Liedern, ja, sogar mit einem Sitztanz ihr eigenes Rotkäppchen-Märchen vor: Die aus Buxtehude stammende Oma braucht dringend Geld für ein neues Dach für ihr Häuschen im Wald und will sich deswegen an einem Backwettbewerb mit hohem Preisgeld beteiligen. Allerdings verstaucht sie sich bei einem Zusammenstoß mit ihrem Tiroler Bernhardiner Barbarossa – herrlich tirolerisch gespielt von Stefan Murr – die Hand. Da springt die Enkelin Rotkäppchen ein, geht zum Markt, um Backzutaten, aber auch Würste für die Brotzeit zu kaufen und erfährt dort vom Jäger Meier, dass der böse Wolf in der Stadt ist.

Mit ihrem vollen Korb kehrt sie zurück durch den Wald, der Wolf verfolgt sie,. In Omas Häuschen wird es daraufhin lebhaft: Da treffen im Laufe der Geschichte Barbarossa, Rotkäppchen zwei Ratten, eine Wespe, die Großmutter und der als Oma verkleidete Wolf – er hat sich sogar die Haxen rasiert – aufeinander. Wie sich da die beiden Schauspieler abwechselnd in Wespe, Ratten, Hund, norddeutsch sprechende Oma und bairisch sprechendes Rotkäppchen verwandeln, trotzdem ganz nah bei den Kindern im Publikum bleiben, immer wieder zum Singen, Mitagieren animieren: Das zeigt, dass da nicht nur zwei fantastische Schauspieler am Werk sind, sondern kreative Kindsköpfe mit Lust am Spielen und Singen. Auch wenn, quasi in der zweiten Spur, fast unmerklich ein durchdachtes pädagogisches Konzept mitläuft.

Norddeutsch, bairisch, tirolerisch erklingen selbstverständlich nebeneinander: Der Wolf ist nicht das böse Tier, sondern ein hungriger, wenn auch listiger Zeitgenosse, die Ratten, die letztlich zur Rettung der Wurstvorräte beigetragen haben, dürfen bei der Brotzeit mit dabei sein.

Wie aber ist es mit dem Backwettbewerb und dem kaputten Dach ausgegangen? Den Kuchen-Abgabetermin konnten Oma und Rotkäppchen wegen der dramatischen Ereignisse natürlich nicht einhalten: Aber, so meint die Oma: Wenn wir gemeinsam den Wolf vertreiben, dann werden wir auch das Dach reparieren können: Und so helfen Menschen und Tiere zusammen, damit es der Oma nicht ins Haus regnet.

Nach dem Schlusslied – auf norddeutsch und bairisch von allen im Saal gesungen, waren Kinder und Erwachsene glücklich und traurig zugleich: Traurig, weil diese Märchenstunde viel zu schnell vergangen war – und glücklich, eine so unterhaltsame und lustige Vorstellung erlebt und mitgestaltet zu haben. Ganz ohne Angst, ganz ohne Langeweile – und ganz ohne Klischees.Ulrike Zöller

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