Waldkraiburg – Das Porträt des verstorbenen Gernot Steinfels, Chef einer mittelständischen Unterwäschefirma, sowie der üppige Trauerkranz mit Widmungsschleife zu Ehren des Toten werden sicher die zahlreichen Besucher in Waldkraiburgs Haus der Kultur bis auf den Heimweg begleitet haben. Denn sie waren gleichsam die Symbole in der spritzigen Gesellschaftskomödie „Kalter weißer Mann“ von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob in einer Inszenierung des Euro-Studios Landgraf, das dem Publikum einen aufschlussreichen, humorvollen Abend bot.
Zugespitzte
Verallgemeinerungen
„Alte weiße Männer“ hatten in den vergangenen Jahren Hochkonjunktur, sei es durch den Kinofilm mit Jan-Josef Liefers oder den gleichnamigen Roman-Bestseller von Sophie Passmann, in dem sie unter anderem den Comedian Claus von Wagner oder den damaligen Grünen-Chef Robert Habeck zum Thema interviewte. Nun also polarisierte in dem Theaterstück der bekannte deutsch-englische Schauspie ler Timothy Peach den „Kalten weißen Mann“ mit seinen zugespitzten Verallgemeinerungen.
Als Horst Bohne, Geschäftsführer in spe des Steinfels-Unternehmens, führt er sich gleich aufbrausend ein: „Ich, ein alter weißer Mann? Da bin ich jetzt schuld an allem: Klimawandel, Diktaturen, Hungersnöte, der Deutschen Bahn, Corona, Stau im Elbtunnel??“ Etwas naiv tritt ihm Sekretärin Rieke Schneider entgegen (Nicola Tiggeler), die meint: „Ich bin offen für alles. Das ist doch eine schöne Haltung.“ Demgegenüber bringt der Social-Media-Experte der Firma, Kevin Packert (Peer-Robin Hagel), die Sache sofort auf den Punkt, als er meint: „Gendern gehört heutzutage einfach dazu. Und wenn da auf der Trauerkranzschleife nur steht ,von den Mitarbeitern‘, dann werden die weiblichen Angehörigen des Unternehmens einfach ausgeklammert! Sprache ist fluide. Und eine sprachliche Steuerung wie in Bayern halte ich – Entschuldigung – für eine dämliche Idee. Wenn man sich bemüht, für neue Eindrücke offen zu sein und niemand ausschließt, wird es weniger Debatten um das Thema geben.“
Recht forsch meldet sich Praktikantin Kim Olkowski (Tima Herz) zu Wort, indem sie behauptet: „Ich brauche nicht von oben herab den Sound des ‚alten weißen Mannes‘. Es sollte doch heutzutage kein Problem sein, dass man Minderheiten nicht diskriminiert und Frauen nicht einfach ignoriert.“ Und zu Bohne gewandt: „Ist das nicht peinlich, wenn angeblich so starke Männer von ihrer arroganten Selbstgewissheit abrücken sollen?“
Regelrecht aggressiv wird schließlich Marketing-Chefin Alina Bergreiter (Sophie Göbel) Bohne gegenüber, der behauptet, die männliche Rolle repräsentiere doch „alle“: „Sorry, ich glaube, der Letzte, der das ernsthaft vertreten hat, war Adam im Paradies. Und zwar vor der Entfernung seiner Rippe! Sprache verändert sich, Sprache schafft Realität. Menschen sollen sich in unserer Sprache gesehen fühlen: Ich nehme dich ernst!“
Bei solch gegensätzlichen Meinungen mussten alle Schlichtungsversuche von Pfarrer Herbert Koch (Andreas Windhuis) ins Leere laufen: „Es bricht doch niemand ein Zacken aus der Krone, wenn er/sie sich bemüht, alle einzubinden. Seid offen für Neuerungen!“
So wird der Kampf in der Führungsetage der Firma zum hochaktuellen Gerangel der Gegensätze. Im bisweilen sehr komischen und selbstironischen Stück bekommt jede Seite einschließlich des Verstorbenen sein Fett weg. Dabei bleibt man nicht nur an der Oberfläche, man taucht in die Untiefen unseres Zusammenlebens ein: Wie wollen wir miteinander leben? Es haben doch alle ein Recht darauf, in unserer Sprache Erwähnung zu finden! Deshalb immer wieder Szenenapplaus und Lachsalven während der Handlung für Wortwitz und schauspielerisches Können, denn das Gender-Thema wurde ausgewogen und mit Fingerspitzengefühl angepackt.
Mit Händen und Füßen
gegen den Zeitgeist
Der Beifall, für den sich zum Schluss die Zuschauer erhoben, galten dem gesamten Ensmble, im Besonderen jedoch Timothy Peach: Zwei Sunden lang stand er im Dauereinsatz in der Rolle des in die Enge getriebenen alten Gender-Gegners, der sich mit Händen, Füßen und Wortgewittern gegen den Zeitgeist wehrt und prompt in jede Falle tappt.
Der Abend endete ausgerechnet mit dem Statement von Sekretärin Rieke Schneider: „Wir sollten nicht streiten und uns gegenseitig kaputt machen, damit in Würde etwas Neues entstehen kann.“ Und ihr abschließender Song „Swing low, sweet cariot, comin‘ for to carry me home“ begleitete die Besucher auf den Nachhauseweg.