Rechtmehring – Aber bekanntlich macht es ja nicht die Quantität, sondern die Qualität; und so ist Jakob Lipp besonders stolz auf die Auszeichnung „Künstler des Jahres 2017“, die er kürzlich vom „Künstler-Magazin (KM)“ in der Sparte „Mentalmagie“ erhalten hat. Damit reiht er sich in eine illustre Künstlergemeinschaft ein: Vor ihm hat auch schon David Copperfield diese Auszeichnung erhalten. In erster Linie sieht sich Jakob Lipp als „Entertainer“ mit dem Ziel, „Menschen zu unterhalten mit Charme, einer Botschaft und Intellekt“, das sei ihm wichtig, betont er. Nach dem Motto „Gut beobachtet ist halb gewonnen“ schaut er sich das Publikum ganz genau an, und es ist kein Zufall, wen er sich als Partner auf die Bühne holt.
„Ich manipuliere niemanden, sondern lenke Menschen und erkläre auch, wie das geschieht.“ Jakob Lipp
Bühne das bedeutet für den Mentalisten aber nicht nur Unterhaltung auf hohem Niveau, sondern, mittlerweile mit steigender Tendenz, auch Führungskräfte-Coaching und sogenannte „Impuls-Vorträge“ zu Themen, wie „Mut zur Veränderung“ und „Querdenken“. Von Ersterem kann der Mentalmagier auch selbst ein Lied singen: auch er habe immer wieder Mut aufbringen und über seine Grenzen gehen müssen, sonst hätte er, aufgewachsen auf einem Bauernhof, es nicht auf die Bühne geschafft. Bekannte Firmen gehören mittlerweile zu seinen Auftraggebern. Manche Engagements lehnt er dann ab, wenn sich die Ziele des Unternehmens nicht mit seinen ethischen Vorstellungen vereinbaren lassen.
Wie kommt man zu einem solchen Beruf? Über einige Zwischenstationen, müsste die Antwort im Falle von Jakob Lipp lauten. Einer Ausbildung in der Landwirtschaft, dem Nachholen der mittleren Reife und des Fachabiturs folgte zunächst ein Studium im Fach „Pflanzenbau“, und im Anschluss studierte er „Kommunikation und Marketing“. „Erst mit 28 Jahren habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen“, erzählt er. Als Hobby habe er die Magie aber nie betrieben. Begonnen hat Jakob Lipp mit einer Ausbildung in der „klassischen Zauberkunst“, die er mittlerweile vollständig abgelegt hat. In der „Zauberakademie“ in Pullach bei München absolvierte er in vier Semestern die Abendschule. Dabei hatte er nebenbei immer wieder Auftritte und konnte schließlich 2005 diese Leidenschaft zu seinem Beruf machen. „Wie entscheiden Menschen?“ und „Warum tun sie etwas?“ sind für den Mentalmagier und Coach zentrale Fragen. Wenn er sich Personen auf die Bühne holt als „Partner“ für das jeweilige Programm, dann ist ihm wichtig, sie respektvoll zu behandeln. „Ich manipuliere niemanden, sondern lenke Menschen und erkläre auch, wie das geschieht“, betont Lipp.
Als besonderes Highlight ist ihm ein Engagement in Erinnerung geblieben: er wurde für einen Auftritt vor vier – zunächst unbekannten – Personen gebucht. Schließlich habe sich herausgestellt, dass dies der frühere Vizekanzler und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, dessen Frau Barbara, sowie Journalist und Publizist Guido Knopp mit Frau waren, die er eine Stunde lang unterhalten habe. Dies sei sehr bewegend für ihn gewesen, da diese bekannten Persönlichkeiten „so nett, herzlich, unkompliziert und auf Augenhöhe“ gewesen seien.
Seit einiger Zeit, so erzählt Jakob Lipp, verändere sich die Klientel und häufig bedeute dies auch intensivere Vorbereitungen für einen Auftritt sowie auch längere Reisezeiten. Diese nutze er, so gut es möglich sei, für die Vorbereitung oder auch mal zur Entspannung. Immer wichtiger werde für ihn als Gegenpol zum herausfordernden Berufsleben das Privatleben. Dies genieße er gerne und immer mehr.
Privat habe er es gerne ruhig, räumt er ein. Ich bin ein sehr naturverbundener Mensch, gehe gerne mit meiner Frau in die Berge“, sagt er, wobei da auch schon einmal Hochtouren auf dem Programm stünden. Mehrere Dreitausender habe er schon bestiegen, auf seiner Wunschliste stehen nun die Viertausender. Aber auch zu Hause auf dem großen Anwesen in Brandmeier hat es der Entertainer idyllisch und kann abschalten. Sehr verbunden fühlt sich Jakob Lipp seinen Tieren: Vier Katzen, drei Laufenten und Bienen wohnen in Brandmeier, wobei alle – abgesehen von den Bienen – Namen und ihren ganz eigenen Charakter hätten, wie Lipp schmunzelnd erzählt.
Und so funktioniert’s: Hier zwei Beispiele dafür, was Jakob Lipp auf der Bühne macht: Er holt eine Person zu sich und bittet sie, still an ein beliebiges Wort zu denken. Ohne dass die Person das Wort sagt, weiß Jakob Lipp den Anfangsbuchstaben. Der Vorgang wird wiederholt und diesmal will der Mentalist wissen, welche Farbe die Person mit ihrem Wort verbindet. Bevor sie die Farbe laut sagt, schreibt Jakob Lipp ebenfalls eine Farbe auf einen Flipchart. Es ist genau die Farbe, die sich die Person gedacht hat. Wie ist so etwas möglich? Zum einen gebe es Künstlerkniffe, sagt Jakob Lipp, die er natürlich nicht verraten kann. Zum anderen bringt der Mentalist jahrelange Erfahrung mit. Vieles könne er über das „Körperlesen“, also die Körpersprache, Mimik und Gestik seiner Bühnenpartner herausfinden. Dabei spiele sich „nichts Esoterisches“ ab, das Wort „Gedankenlesen“ oder gar „Hellsehen“ möchte er deshalb auch nicht verwenden. Es sei vielmehr so, dass er Menschen auf eine bestimmte Art lenke, damit diese dann die Entscheidungen treffen, die er beabsichtige, fasst Jakob Lipp zusammen.
Das erfordere Mut, mache für ihn aber auch den Reiz aus.