Porträt der Woche

Daheim in der Fremde

von Redaktion

Jahrelang war Pater John Kuttikottayil als Missionar in Indien tätig. In Gegenden, in denen es weder Strom noch fließendes Wasser gibt. Nun ist er in Mühldorf gelandet – und schon nach wenigen Wochen fester Bestandteil der Stadtkirche.

Mühldorf – Das mit dem Nachnamen ist natürlich so eine Sache: Kuttikottayil. „Ich schreibe ihn besser auf“, sagt der 58-Jährige und grinst. „Und sonst sagen Sie einfach ‚Pater John‘. Da weiß in Mühldorf sicher jeder, wer gemeint ist.“ Gemeint ist der Neue in der Stadtkirche, der sich in Mühldorf schon ganz heimisch fühlt – auch wenn in der Wohnung im Pfarrhaus noch nicht einmal das Kreuz an der Wand hängt. „Jetzt habe ich mich erst einmal darum gekümmert, dass E-Mail und Computer funktionieren. Damit ich auch Kontakt nach Hause habe.“ Obwohl „zu Hause“ bei ihm ein relativer Begriff ist.

Geboren wurde John Kuttikottayil in der südindischen Stadt Piravom in der Region Kerala. Als jüngster Sohn der Familie war sein Weg eigentlich vorgezeichnet. „Bei uns ist es Tradition, dass die Jüngsten den Betrieb oder die Landwirtschaft übernehmen und dann für die Eltern sorgen.“ Doch schon in jungen Jahren war klar, dass John sein Leben nicht auf der Kautschuk-Plantage seiner Eltern in Kerala verbringen will. „Zwei Cousins und ein Neffe wurden Priester. Und auch ich hatte früh das Gefühl, dass das der richtige Weg für mich ist.“ Als 15-Jähriger trat er deshalb ins Priesterseminar ein, später studierte er Philosophie.

Vor allem die Praktikumszeit in der Mission in Nordost-Indien hat Spuren hinterlassen: „Die Leute mit ihren verschiedenen Sprachen, Kulturen, Religionen, die verschiedenen Stämme, die Essgewohnheiten und das Land in den Vorgebirgen des Himalajas haben mich fasziniert. Dort liegt bis heute mein Herz.“ Nach der Priesterweihe 1985 lernte er, der dem Orden der Missionare des heiligen Franz von Sales angehört, die Sprachen der Region, gründete zwei Pfarreien, leitete Schulen. Mit großem Erfolg: „In Amlarem habe ich eine Pfarrei mit 38 Dörfern aus der Taufe gehoben. Ihr gehören inzwischen 6000 Katholiken an.“

Auf Wunsch des Provinzialrates begann er schließlich ein Studium an der LMU München und promovierte im Fach Pastoraltheologie. Sein Thema: Angstbewältigung im Glauben. Im Juli 2005 kehrte er dann in die Mission nach Nordost-Indien zurück, übernahm die Leitung eines Exerzitien-Zentrums und unterrichtete als Dozent an zwei Hochschulen.

Zwei Jahre später folgte der Pater erneut dem Wunsch des Provinzialrates und arbeitete als Seelsorger im Pfarrverband Aßling, wo er zufällig den Pfarrer von Neumarkt-St. Veit Franz Eisenmann kennenlernte. „Er stammt ja aus Aßling und sein Vater war Mesner dort. Nun sehen wir uns wieder.“

Keine Selbstverständlichkeit, wenn man bedenkt, dass es für Pater John in Mühldorf wieder einmal ein Neustart ist. In den letzten Jahren war er als Regens eines Priesterseminars in Nord-Indien tätig. „Ja, ich bin viel rumgekommen“, fasst der 58-Jährige zusammen. „Aber vielleicht fühle ich mich auch deshalb überall irgendwie zu Hause.“

Er wolle auf die Menschen zugehen, für sie da sein. Die Sprache ist dabei kein großes Hindernis mehr: „Mein Deutsch wird von Tag zu Tag wieder besser.“ Und was unterscheidet die Katholiken in Deutschland von den Gläubigen in Indien? „Die Deutschen glauben mit dem Kopf und suchen für alles einen Beweis. Wir Inder glauben mit dem Herzen.“

Artikel 1 von 11