Weihnachtsaktion „OVB-Leser zeigen Herz“

Die Melodien des Lebens

von Redaktion

Die Gesundheit geht mit den Jahren dahin. Aber schöne Erinnerungen kann einem keiner nehmen. Und sie haben etwas Verbindendes, wie der Erfahrungsbericht einer Hospizbegleiterin deutlich macht.

Rosenheim/Mühldorf – Die Weihnachtsaktion „OVB-Leser zeigen Herz“ ist diesmal der Hospizbewegung in der Region gewidmet. Brigitte S. ist sozusagen eine Frau der ersten Stunde. Seit vielen Jahren ist sie dabei. Für die Leserinnen und Leser schildert die erfahrene Hospizbegleiterin eine Begegnung aus diesem Jahr, die beispielhaft auf den Punkt bringt, worum es bei der Hospizarbeit geht.

„Im Frühjahr fragte mich unsere Einsatzleitung, ob ich eine Begleitung übernehmen kann – nicht weit von meinem Wohnort entfernt. Es handelte sich um eine Krebspatientin, die auf der Palliativstation medikamentös eingestellt wurde und nach Hause entlassen wurde, wo sie ihr Ehemann pflegen wollte.

Ich sagte gerne zu. Den Erstbesuch zum gegenseitigen „Beschnuppern“ machten wir – meine Einsatzleiterin und ich – gemeinsam. Und ich hatte das Gefühl, bei dem Ehepaar P. willkommen zu sein. Den nächsten Besuch verabredete ich mit Herrn P. Seine Frau schlief, als ich kam. So konnten wir über seine Situation sprechen.

P. erzählte, dass er seine Frau schon vor dem Aufenthalt auf der Palliativstation eine Zeit lang gepflegt habe. Er betonte, wie froh er sei, nun etwas Unterstützung zu bekommen, um einfach mal etwas für sich tun zu können – und sei es nur ein Spaziergang oder ein Einkauf, ohne sich Sorgen um seine Frau machen zu müssen.

Auf der Palliativstation hatte er Kontakt zu den Brückenschwestern bekommen. Die Brückenschwestern organisieren die Überleitung von schwerstkranken Patienten vom Krankenhaus nach Hause. Sie versicherten ihm, er könne sie jederzeit anrufen. Zusätzlich gebe es das SAPV-Team. SAPV steht für spezialisierte ambulante Palliativversorgung. Das Team stellt sicher, dass ein Palliativarzt kommt, wenn die Schmerzen zu stark werden.

Netzwerk macht die

Pflege daheim möglich

Auch die Unterstützung durch einen Pflegedienst und den Hospizverein wurde ihm zugesagt. Aufgrund dieses Netzwerks an Hilfsangeboten entschloss sich Herr P., seine Frau zu Hause zu pflegen und sie nicht in ein Heim zu geben.

Er gab mir noch die Anweisung, seiner Frau genau um 16 Uhr ihre Medizin in einem Glas Wasser zu geben, zeigte mir die Telefonliste mit seiner Handynummer und den anderen wichtigen Nummern – und freute sich, eine Weile das Haus verlassen zu können.

Ich wartete gelassen, bis Frau P. aufwachte. Wir waren gleich vertraut miteinander. Ungefähr gleichaltrig waren wir auch – und konnten so viele Erinnerungen an unsere Jugend in der Nachkriegszeit austauschen. Für Frau P. war es damals nicht leicht, sich um mehrere jüngere Geschwister zu kümmern. Aber sie hat es geschafft. Und das machte sie stolz.

Auch ihr späteres Leben hat sie tatkräftig und mutig in die Hand genommen, sich allen Herausforderungen gestellt und mit ihrem Mann viele gute Jahre verbracht, mit allen Höhen und Tiefen. Es gibt viele Erinnerungen an ein erfülltes Leben, und das machte jedes unserer Treffen trotz ihrer schweren Krankheit zu einem fast heiteren Miteinander.

Wir erinnerten uns daran, welche Lieder wir in der Kindheit gemeinsam mit den Eltern und Geschwistern gesungen hatten. Fernsehen gab es ja noch nicht, man musste seine Abende selbst gestalten. Natürlich sangen wir jetzt diese Lieder, einfache Volkslieder, mit unseren ungeübten Stimmen, und dieses Zurückgehen in unsere Jugenderinnerungen war für beide so wohltuend!

Später, als die Krankheit fortschritt und Frau P. noch einmal auf der Palliativstation lag, besuchte ich sie auch dort. Jetzt wurden kaum noch Worte gewechselt. So summte ich die eine oder andere Melodie, von der ich wusste, dass sie ihr gut tat.

Bei ihrer Rückkehr nach Hause wurde ein Pflegebett installiert, weil Frau P. nun nicht mehr aufstehen konnte. Ich besuchte sie noch einmal, sie griff nach meiner Hand. Worte waren nicht mehr notwendig, nur noch stille Wünsche. Kurze Zeit darauf starb Frau P. ruhig und in Frieden daheim.

Große Dankbarkeit für Hilfe von vielen Seiten

Bei der Beerdigung und meinen späteren Trauerbesuchen drückte ihr Mann immer seine große Dankbarkeit für die Hilfe von so vielen Seiten aus, ohne die es ihm nicht möglich gewesen wäre, seine Frau bis zum Ende zu Hause zu pflegen.“

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