Aus der Stadtgeschichte

Einheitsbier und Hamstern

von Redaktion

Deutschland geht Ende des Jahres 1917 in den vierten Kriegswinter und ein Ende ist nicht in Sicht. Im kleinen Markt an der Rott wird der Redakteur des Neumarkter Anzeigers, Hermann Döring, zum Zeitzeugen, der uns heute noch einen kleinen Einblick jener schlimmen Zeit hautnah vermittelt.

Neumarkt-St. Veit – Kriegsberichterstattungen und vor allem das Ortsgeschehen mit seinen stetig steigenden Problemen und die Todesanzeigen gefallener Helden füllen einen großen Teil in seinem Lokalblatt. Auch Döring selbst ist betroffen und muss im Oktober 1916 den Tod seines Sohnes Hermann in der Zeitung abdrucken. Ein Jahr später geben seine Zeitungsartikel einen Einblick in die Adventszeit 1917.

Schlechte Versorgungslage

Döring schreibt im Neumarkter Anzeiger vom 8. Dezember: „Mit dem Monat Dezember hat eine grimmige Kälte eingesetzt, im grellen Gegensatz zu der kalten Jahreszeit steht die Nichtversorgung unserer Bevölkerung mit Kohlen. Es hat sich zwar in Berlin eine Kohlenversorgungszentrale gebildet, aber diese scheint nur zur Verzierung da zu sein, denn seit der wenigen Kohlen, die im Monat Oktober zur Verteilung kamen, ist bisher in Neumarkt an der Rott außer den Brauereien keine Kohle für die Bürgerschaft und für die Gewerbetreibenden angefallen. Bei einem Händler liegen von der Kohlenstelle Mühldorf ausgefertigt Bezugscheine für etwa 600 Zentner Kohlen an Nachbargemeinden, allein mit diesen Bezugsscheinen kann niemand heizen. In einzelnen Betrieben, die auf Holzfeuerung nicht eingerichtet sind, ist es zum Verzweifeln, im Armenhause der Marktgemeinde frieren die Leute, das Holz ist fast aufgebraucht, Kohlen haben sie keinen Stumpen. Hamstergeschichten bilden sich fast allerorts. Fährt man auf der Eisenbahn, so sieht man sich fast ausschließlich Soldaten und Hamsterern gegenüber. Da werden die tollsten Sachen erzählt, wie dieses oder jenes zu ergattern ist. Einzelne städtische Hamsterwanderer haben schon ihre Stammplätze, an denen ihnen die Lebensmittel reserviert sind, selbstverständlich nicht zu billig. Ein Hamsterer erzählte, dass er bei einem Bauernhause vorbeigekommen sei, worin zum Abendgebetläuten ein Rosenkranz gebetet wurde. ,Da gehst du rein‘, dachte der Hamsterer, er erzielte auch ein Geschäft mit mehreren Pfund Butterschmalz, verlangt wurden pro Pfund 12 Mark. Nach dem Hinweis, dass Gott, den sie soeben im Gebet angefleht, mit diesem Wucherpreis kaum sein einverstanden dürfte, wurde der Schmalzpfundpreis auf zehn Mark ermäßigt“.

Einen großen Teil der Ernährung spielte das Kraut, zu dem Döring schrieb: „Dreht euch nicht um, der Krauthobel geht um – so könnte man ausrufen, wenn man die hausfrauliche Sauerkrautschneide-Tätigkeit in den Familien beobachtet. Ist in unserer Gegend wenig Kraut gewachsen, andere fruchtbare Auen im Königreich Bayern liefern Kraut in Hülle und Fülle. Nur mit dem Schweinernen hapert es bedenklich und die geselchtslose Prüfungszeit will nicht enden“.

Über die Weihnachtsfeiertage schreibt er: „Die Bescherungen in den Familien sind etwas magerer ausgefallen, der Mangel an Ware macht sich allgemein bemerkbar, nur die Kriegswucherer und Lebensmittelschieber-Leute brauchen sich nichts abgehen zu lassen, sie hüllen sich in Pelze, Purpur und feine Leinwand, wer das Geld nicht anschauen braucht, der kann auch heute im vierten Kriegsjahre noch alles haben, was sein Herz begehrt“.

Das letzte

Aufgebot

Der Mangel an lebensnotwendigen oder kriegswichtigen Gütern ist überall spürbar. Es werden Blechbüchsensammlungen durchgeführt und im Herbst 1917 viele der Kirchenglocken in Neumarkt und Umgebung abgehängt und zum Bahnhof gebracht, wo sie wochenlang auf ihre Abfuhr warten. Die vom Bezirk festgesetzten Brennholzpreise erreichen Rekordhöhen, wer mehr verlangt, wird mit bis zu einem Jahr Gefängnis und Geldstrafen bis zu 10000 Mark bedroht.

Neben Gütern aller Art wird dringend Geld für den Krieg benötigt, dieses können die Neumarkter im Bankhaus Schötz und in der Distriktsparkasse in Form der 7. Kriegsanleihe einzahlen. Auch der Nachschub an Soldaten schwindet zusehends und deswegen werden seit Frühjahr 1917 sehr junge und alte Männer, ja sogar die Kriegsinvaliden zum „vaterländischen Hilfsdienst“ herangezogen. Eine Anzeige im Neumarkter Anzeiger vom 15. Dezember machte dies deutlich: „Öffentliche Aufforderung zur Meldung zwecks Eintragung in die Nachweisung der Hilfsdienstpflichtigen.“ Aufgefordert wurden alle männlichen Deutschen, die nach dem 31. März 1858 geboren sind und das 17. Lebensjahr vollendet haben. „Ausgenommen von der Meldepflicht sind nur diejenigen, die entweder zum aktiven Heere oder zur aktiven Marine gehören.“ Wer schon eingerückt war, aber aus gesundheitlichen Gründen entlassen wurde, sollte sich ebenfalls melden, auch Kriegsinvaliden, die schon aus dem Heeresdienst entlassen waren. „Wer die Meldung schuldhaft unterlässt, kann mit Geldstrafe bis zu 100 Mark oder mit einer Haft bis zu drei Tagen bestraft werden. Mit Gefängnis bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 10000 Mark wird bestraft, wer wissentlich unrichtige oder unvollständige Angaben macht.“

Diese Anzeige kommentierte Hermann Döring: „In jüngst verflossenen Tagen sind Zettel in manche Häuser geflogen, welche die männlichen bejahrten Insassen unter die Fahnen rufen, doch nach dem alten Sprichwort ,Viele sind berufen, aber wenige auserwählt‘ kommt mancher bald wieder heim, nachdem er es nicht machen kann und dem Staat nur Kosten bereitet. Über derartige Kosten und wer sie nach dem Krieg zahlen wird, ließe sich ein interessantes Kapitel schreiben, aber es graust uns vor diesem Abgrunde finanzieller Drachensaat“.

Zu lachen gab es wenig, selbst die Bierproduktion ließ zu wünschen übrig. Wegen der sich ausbreitenden Rohstoffknappheit müssen die Neumarkter Genossenschaftsbrauerei und die Schlossbrauerei Hertrich in der Nachbargemeinde St. Veit ihr Sortiment anpassen. Bis Mai 1917 verändern sich die monatlichen Daten, was Biersorten, Preise und Ausstoßmenge betrifft, im Vergleich zum Vorjahr kaum. Doch dann geht die Produktion von Vollbier schlagartig zurück, die des Dünnbieres hoch, das nun den Namen Einheitsbier trägt. Eine Mass Einheitsbier kostet nun rund 25 Pfennig, ein Liter Vollbier bis 44 Pfennig.

Abwechslung in den Alltag brachte der Auftritt des Zauberkünstlers Leopoldini am 9. Dezember im Saale der Genossenschaftsbrauerei mit zwei Vorstellungen. Für einen Eintrittspreis von 50 bis 80 Pfennig bot der Magier ein Großstadtprogramm auf dem Gebiet der modernen Zauberei, Physik, Chemie und höheren Kunst an. Die Kinder erhielten kostenlosen Zutritt zur Nachmittagsvorstellung.

Etwas Hoffnung auf Besserung der Lebenssituation hatte man noch, denn trotz allen Mangels werden in Neumarkt bis Weihnachten noch Leitungen für den sehnsüchtig erwarteten elektrischen Strom verlegt.

Helferinnen in der Not

Es gibt auch einige engagierte Menschen, die versuchen, den Leuten in dieser schlechten Zeit beiseitezustehen. Besonders rührig arbeitet der Zweigverein Neumarkt an der Rott des Frauenvereins vom Roten Kreuz. Sie betreuen die in den vereinseigenen Lazaretten in Neumarkt (Knabenschule und im Krankenhaus) verwundete Krieger. Sie kümmern sich aber auch um die Kinder und Angehörigen der im Felde stehenden oder gefallenen Soldaten. Selbst an die Kriegsgefangenen, die in irgendwelchen Lagern im Ausland ihr Dasein fristen müssen, schicken die Vereinsdamen Pakete. Dafür wird am 1. Dezember folgende Anzeige im Neumarkter Anzeiger veröffentlicht: „Aufruf. Es ist wieder eine Kriegsweihnacht vor der Tür und der Frauenverein sieht sich zum vierten Male veranlasst, den Soldaten eine Weihnachtsfreude zu bereiten. Es wird deshalb die Bevölkerung von Neumarkt an der Rott und Umgebung höflichst gebeten, nochmals die milde Hand aufzutun, damit auch heuer wieder unseren tapferen Kriegern, die so vieles im Felde entbehren und leiden mussten, eine kleine Freude bereitet werden kann.“ „Der Landesverband für Kinderbewahranstalten, Kinderhorte verbot die Christspiele der Kleinen, aber dennoch sollen die Anstalts-Krieger-Kinder mit einer Weihnachtsgabe bedacht werden.“

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