Neumarkt-St. Veit – Vor etwa 180 Jahren gab es noch keine öffentliche Beleuchtung und es muss bis dahin wirklich ganz stockfinster gewesen sein, wenn die Bürger ihrer Heimstatt zustrebten. Zu jener Zeit war es in einem Marktflecken wie Neumarkt allgemein nicht üblich, nach Einbruch der Dunkelheit noch auf der Straße zu sein. Die Tore waren durch die Türmer ohnehin schon verschlossen, es gab also auch keine Fremden und keine Durchreisenden mehr. Und für jeden Wirtshausbesucher war spätestens um 21 Uhr Feierabend. Um 22 Uhr machte sich der Nachtwächter auf den Weg, ausgerüstet mit Hellebarde, Horn und Handlaterne, um den Bürgern die Stunden der Nacht zu verkünden und nach dem Rechten zu sehen.
Erst der um 1840 gegründete „Verschönerungsverein Neumarkt an der Rott“ versuchte Abhilfe zu schaffen und stellte die stattliche Summe von 60 Gulden bereit, um wenigstens ein paar Laternenpfähle im Marktplatz aufstellen zu lassen. Diese waren oben mit einem Glasgehäuse versehen um darin eine angezündete Kerze aufzustellen. Diese rechtzeitig anzuzünden und bei Tagesanbruch wieder auszulöschen wurde Aufgabe des Nachtwächters.
Ungefähr 50 Jahre funktionierte diese Vorgehensweise so recht und schlecht, bis dann 1891 die Straßenlaternen auf Petroleum umgestellt wurden. Der Redakteur des Neumarkter Anzeiger Hermann Döring sah sich schon veranlasst, in seiner Zeitung von einer großartigen Illumination zu schreiben.
Aber um diese Zeit war die technische Entwicklung auch in den entlegensten Teilen des Landes nicht mehr aufzuhalten und so wurde 1912 an den Magistrat von der Firma Ludwig Lechner ein Antrag gestellt, die öffentliche Beleuchtung mit Leuchtgas auszurüsten.
Nach anfänglicher Skepsis und nach einer ersten Ablehnung haben sich die Marktgemeinderäte doch noch für das wesentlich hellere Gaslicht erwärmen können. Das von diesem Gasbetrieb auch eine gewisse Gefahr ausgehen kann, mussten die Neumarkter 1905 erfahren, als bei einer Explosion im Rückgebäude des Hotel „Zur Post“ Hausmeister Weindl im Alter von 31 Jahren sein Leben verlor.
Vom Gaslicht zum elektrischen Licht
Schon 1906 stellte die Münchner Firma Falter und Guilleame ein Konzessionsgesuch an die Marktverwaltung Neumarkt zur Errichtung einer „Elektrischen Kraft- und Beleuchtungsanlage“ mit einer Laufzeit von 30 Jahren. Das Projekt scheiterte, genauso wie Versuche zwischen 1908 und 1910 Neumarkt mit Strom vom Elektrizitätswerk in Ödmühle (bei Mühldorf) zu beziehen. Der Strom sollte für 3500 elektrische Lampen und 350 PS für Motoren reichen, die Baukosten wurden auf 215500 Mark geschätzt.
Auch der im selben Jahr gebrachte Vorschlag des Neumarkter Bürgermeisters Franz Einmayr, dass der Markt ein eigenes Elektrizitätswerk errichten soll, wurde nicht realisiert. Für den endgültigen Durchbruch sorgte die 1911 in München neugegründete Oberbayerische Überlandzentrale AG (OBÜZ), die sich fortan um den Ausbau der Stromversorgung in Oberbayern kümmerte. 1932 wurde die OBÜZ von der Amperwerke AG übernommen, die 1955 mit der Isarwerke AG zu den Isar-Amperwerken fusionierten, heute Eon Bayern (Bayernwerk). An dem Ausbauprogramm nahm Neumarkt noch während des Ersten Weltkriegs teil und genehmigte am 6. Mai 1917 der OBÜZ die Konzession zum Bau einer Stromversorgung. Die OBÜZ richtet im Hotel zur Post ein Baubüro ein und schaltet entsprechende Anzeigen im Lokalblatt: „Licht- und Motoranlagen für Industrie, Landwirtschaft und Gewerbe zu günstigen Bedingungen.“ Man garantierte eine sachgemäße, allen Vorschriften entsprechende Ausführung. „Anmeldungen im Baubüro, Ingenieurbesuch auf Wunsch kostenlos“.
Die Anmeldungen für den Einbau von elektrischen Lampen und Motoren waren so zahlreich, dass bald mit der Einrichtung begonnen werden könnte, vermeldet am 16. Juni der Neumarkter Anzeiger. Auch die Gemeinde selbst beteiligt sich an der Einführung der elektrischen Beleuchtung und bestellt 20 Straßenlampen und 40 Innenlampen für ihre Schulhäuser. Für diese Leistungen bezahlt die Gemeindeverwaltung 22000 Mark und versucht zugleich durch die Einsparung des Nachtwächters diese Kosten wieder auszugleichen.
„Ein Wald von
Masten erhebt sich“
Im November 1917 berichtet Hermann Döring, „dass die Helfershelfer der OBÜZ eifrig an der Arbeit sind. Ein Wald von Masten erhebt sich innerhalb und außerhalb des Marktes, um für elektrische Hochspannung zu sorgen.“ Er kündigte ein goldenes Zeitalter für Neumarkt an, „hoffentlich genießen wir dasselbe bald als Friedenszeit“. Als merkwürdig empfand er es, „dass wir gerade mitten in dem scheußlichen Kriege mit seinem wirtschaftlichen Missstand, großer Teuerung eine derartig einschneidende Neuerung hier einführen müssen, aber es ging nicht anders. Vielleicht erringen wir auch noch eine Kriegs-Hochdruckwasserleitung“.
In der Zeitungsausgabe vom 20. November 1917 steht dann zu lesen, dass nach dem Markt und die umliegenden Gemeinden auch der hiesige Bahnhof bald „im schönsten elektrischen Licht erstrahlen“ soll. Gespannt warten nun die Bürger auf die Inbetriebnahme, die dann kurz vor Heiligabend im Neumarkter Anzeiger vermeldet wird: „Der elektrische Strom ist da, er brennt schon in den hausinstallierten Betrieben, für Neumarkt ist dies ein Schritt von großer Bedeutung, denn industrielle Anlagen mit elektrischem Betrieb können hierorts jetzt ihren Einzug halten.“
Neue Technik bereitet auch Probleme
Im Oktober 1918 erleuchtet dann auch der Bahnhof Neumarkt im elektrischen Licht. Aber die Einführung neuer Techniken bereiteten manchmal auch Probleme und längst sind nicht alle Kinderkrankheiten behoben. Mitte September 1918 berichtet Hermann Döring: „Verfluchte Elektrizität! Einmal zu wenig, einmal gar kein Strom, dann läuft wieder alles rückwärts. Das kann sauber werden, wenn erst der Winter kommt. Und die Herren Monteure sitzen in Mühldorf!“