Neumarkt-St. Veit – „Wenn der Bau erst einmal steht, ist es vorbei mit dem Tageslicht. Dann blicken meine Biergartengäste auf eine mehr als zehn Meter hohe Wand“, klagt Roswitha Senftl, Wirtin des Vitusstüberls in Neumarkt-St. Veit. Bis auf drei Meter wird laut Senftl das Gebäude von Investor Richard Balk an ihre Grundstücksgrenze rücken und damit das Baufenster maximal ausreizen, berichtet die Wirtin. Vor zehn Jahren hatte sie das marode Stadthaus gekauft, aufwendig und „mit viel Herzblut“ saniert. „Wenn ich es mir in Zukunft auf meiner Dachterrasse gemütlich mache, habe ich nichts davon, weil ich dann wohl auf eine Wohnwand blicke. Keine schönen Aussichten“, fürchtet Senftl.
Investor Balk jedoch macht damit nichts Verbotenes, schließlich hat der Neumarkt-St. Veiter Stadtrat den Bebauungsplan für den Stadtplatz abgesegnet. „Und das, ohne die Anwohner zu hören“, beschwert sich Senftl, die von der tatsächlichen Größe des Bauvorhabens des Investors aus Vilsbiburg erst aus der Zeitung erfahren haben will.
Nie einen
Bauplan gesehen
Weder Verwaltung noch Stadtrat hätten sich die Situation vor Ort angesehen, Gespräche mit ihr als Anliegerin seien nicht geführt worden. Jetzt aber, so scheint es, seien vollendete Tatsachen geschaffen worden, berichtet Senftl enttäuscht. Warum sie keine Einspruchsfrist eingelegt hat? „Gegen was denn? Ich habe ja nie einen Bauplan des Gebäudes gesehen“, erwidert Senftl schulterzuckend. Sie befürchtet nun, dass ihre Schankgenehmigung im Garten ihres Vitusstüberl, vis-à-vis des Balk-Blockes, gefährdet beziehungsweise der Biergartenbetrieb wesentlich eingeschränkt sein könnte. Vor allem in den Übergangszeiten sei der überdachte und windgeschützte Garten in Richtung der Einmayrstraße nämlich eine wichtige Einnahmequelle, betont die Wirtin des Vitusstüberl. „Darauf kann ich nicht verzichten“.
Dass die Immobilie, die auf dem 1600 Quadratmeter großen Grundstück errichtet werden soll, ihr Geschäft beeinflussen könnte, ist die eine Sache. Die andere ist, dass es Senftl nicht verstehen kann, wie ein so großes Gebäude, das ihrer Meinung nach nicht zur Verschönerung des gesamten Ensembles um den Stadtplatz beiträgt, überhaupt genehmigungsfähig sein konnte. „Auf der einen Seite stimmt der Stadtrat für den Abriss des Schwarzbaus an der Schmiedgasse, um das Ortsbild zu verschönern. Auf der anderen Seite stimmt sie so einem Bau zu“, kann Senftl darüber nur den Kopf schütteln. Denn eines ist für sie klar: Steht das Gebäude mit 29 barrierefreien Wohnungen erst einmal, wird es auch vom Stadtplatz aus zu sehen sein, weil es ihr Vitusstüberl um einige Meter überragen wird.
Senftl hat jetzt einen Rechtsanwalt eingeschaltet. Ihre einzige Chance, gegen das Bauvorhaben zu protestieren, sieht sie nur noch in der Anfechtung des Bebauungsplanes in Form eines Normenkontrollantrages, mit dem sich der Bayerische Verwaltungsgerichtshof beschäftigen wird. Damit soll geprüft werden, ob die Entscheidungen des Stadtrat rechtens waren. Ein Gerichtstermin steht noch nicht fest, von der Pressestelle des Gerichtshofes heißt es dazu nur soviel, dass erst einmal beide Parteien ihre Argumente zusammentragen müssten.
Vorhaben von Beginn an umstritten
Das Bauvorhaben von Richard Balk war von Beginn an umstritten. Andere Anwohner hatten sich ebenfalls über die vermeintliche Höhe des Gebäudes beschwert, weil aufgrund der Nähe zum Grundstück der Swimmingpool künftig offen einsehbar sei. Diese Einwendungen spielten aber im Genehmigungsprozess beziehungsweise bei der Änderung des Bebauungsplanes am Stadtplatz keine Rolle.
Von der Stadt war zum Normenkontrollantrag keine Stellungnahme zu erhalten. Nach Rücksprache mit dem Anwaltsbüro der Stadt verweist Bürgermeister Erwin Baumgartner auf das laufende Verfahren vor dem Verwaltungsgerichtshof, bei dem das Normenkontrollverfahren anhängig ist.
Investor Richard Balk hat sich bis gestern auf Anfrage nicht geäußert. Er hatte aber bereits im Sommer angekündigt, dass er im Frühjahr 2018 mit dem Bauen beginnen will. Das Baurecht liegt derzeit vor.