Handwerk vor Herausforderungen

von Redaktion

Interview Kreishandwerksmeisterin Helga Wimmer über die Situation im Landkreis

Mühldorf – Das Handwerk ist zurzeit an vielen Baustellen gefordert. Die Auslastung der Betriebe ist sehr gut, doch sorgen der Fachkräftemangel, die Nachfolge in den Betrieben sowie neue Gesetzesvorgaben und Regelungen für Diskussionsbedarf. Wir sprachen mit Kreishandwerksmeisterin Helga Wimmer.

Wie ist die wirtschaftliche Auslastung der Handwerksbetriebe im Landkreis Mühldorf?

Belastbare Zahlen zur Konjunktur haben wir leider nicht für einzelne Landkreise. Ich kann aber etwas für die Planungsregion 18, also den Raum Südostoberbayern, anbieten: Im 4. Quartal 2018 bezeichneten 95 Prozent der befragten Handwerksbetriebe in Südostoberbayern ihre gegenwärtige Lage als gut oder befriedigend; mit 82 Prozent erreichte die Kapazitätsauslastung einen Rekordwert innerhalb Oberbayerns. Auftragsbestände von 8,8 Wochen zum Jahreswechsel deuten darauf hin, dass sich an der ausgezeichneten Situation vorerst nichts ändern wird.

Wie viele Lehrverträge wurden im Handwerk generell abgeschlossen? Und welche Gewerke haben akute Nachwuchsprobleme?

2018 schlossen die Handwerksbetriebe im Landkreis Mühldorf 313 neue Lehrverträge, was einem Rückgang von -5,2 Prozent gegenüber 2017 entspricht. Im gesamten oberbayerischen Handwerk blieben im vergangenen Jahr 1900 Lehrstellen unbesetzt, 2017 waren es 1600. Bedarf besteht in fast allen Berufen. Insbesondere bei der Herstellung und beim Verkauf von Lebensmitteln wie Bäcker und Metzger werden händeringend Lehrlinge gesucht. Aber auch im Bauhaupt- und im Ausbaugewerbe gibt es zu wenige Bewerber. Das dürfte mit Ausnahmen auch für das Handwerk im Landkreis Mühldorf gelten.

Wie sehen Ihre Betriebe die zukünftige Ausrichtung in der Region aufgrund des Fachkräftemangels?

Hierbei müssen wir auf eine oberbayerische Befragung zurückgreifen, Zahlen nur für den Landkreis Mühldorf haben wir nicht. Im November 2018 gaben 35 Prozent der befragten Betriebe zu Protokoll, dass alle Arbeitsplätze besetzt sind. Zwei von drei Betrieben haben offene Stellen. Zudem mussten 31 Prozent den Abgang von Arbeitskräften in die Industrie oder andere Wirtschaftsbereiche verkraften. Fast die Hälfte der Betriebe wollen demnach dem Fachkräftemangel entgegenwirken, indem sie unter anderem die eigene Ausbildung verstärken. Ebenso viele Betriebe wollen die finanziellen Anreize wie Bezahlung über Tarif erhöhen. Und immerhin 40 Prozent wollen mit Mehrarbeit und Überstunden versuchen, den Bedarf an Fachkräften auszugleichen.

Die Weiterbildungen am Mühldorfer Berufsbildungszentrum laufen gut. Wie sehen Sie die zukünftigen Chancen der jungen Handwerker?

Gut ausgebildete Handwerkerinnen und Handwerker haben beste Chancen, einen sicheren Arbeitsplatz zu finden. Mit entsprechenden Weiterbildungen können sie es dort bis zum Betriebsleiter bringen, ein eigenes Unternehmen gründen oder eine bestehende Firma übernehmen.

Aufgrund von Gesetzesregelungen und Regelungen durch die Berufsgenossenschaften werden Handwerksleistungen immer teurer. Sind diese Leistungen in Zukunft von der normal arbeitenden Bevölkerung zu bezahlen?

Nicht nur gesetzliche Vorgaben oder Beiträge zur Berufsgenossenschaft bestimmen den Preis von Handwerksleistungen. Auch steigende Kosten für Material, Energie und die Mitarbeiter wirken sich, neben anderen Faktoren, auf die Preise von Handwerkerleistungen aus. Trotzdem werden es sich Durchschnittsverdiener natürlich auch künftig leisten können, Handwerker aus der Region zu beauftragen.

Wie sieht es im Landkreis mit den Betriebsnachfolgern aus?

Wir gehen davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren etwa jedes fünfte Handwerksunternehmen, also die Betriebe mit sozialversicherungspflichtig Beschäftigten oder steuerpflichtigem Umsatz, zur Übergabe ansteht. Umgelegt auf den Landkreis Mühldorf sind das etwa 230 Unternehmen. Interview: Josef bauer

Die Eckdaten im Landkreis

Zahl der Betriebe: 2246 (gegenüber 2017 ein Minus von 0,9 Prozent)

Auszubildende: 867 (gegenüber 2017 ein Minus von 0,9 Prozent)

Zahl der Beschäftigten: 9700 (gegenüber 2017 ein Plus von 0,8 Prozent)

Umsätze: 1,32 Milliarden Euro (gegenüber 2017 ein Plus von 5,7 Prozent).

Zahlen für 2018

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