30 Quadratmeter pures Glück

von Redaktion

OVB-Leser zeigen Herz Ein Blick in Christinas neue Welt in Aschau

Rosenheim/Mühldorf – Was ist Glück, was gehört zu einem glücklichen Leben? Eine Frage, die viele ins Grübeln bringt, nur Christina (26) nicht. Die Neu-Aschauerin hat eine klare Vorstellung davon: Selbstbestimmt zusammenwohnen mit jungen, lebenshungrigen Menschen in „ihrer“ neuen WG. Da rührt sich immer was.

So gesehen hat Christina, aufgewachsen in Rohrdorf im Kreis Rosenheim, jetzt in Aschau im Chiemgau ihr Glück gefunden. „Mia ham no ned oamoi gestritten“, sagt die vielseitige Frau nach drei Monaten WG-Erfahrung im Benedetto-Menni-Nest.

So heißt das Haus, das speziell für Menschen wie Christina und die anderen fünf Neulinge gebaut worden ist. Denn alle sechs müssen mit geistigen und körperlichen Einschränkungen zurechtkommen. Ganz allein würden sie es nicht schaffen.

Aber das bunte Miteinander im lichtdurchfluteten Gemeinschaftsraum ist nur eine Facette in Christinas neuer Welt. Es ist nur ein Katzensprung ins eigene „Reich“: ihr geräumiges, gemütlich eingerichtetes Zimmer – 30 Quadratmeter pures Glück.

Dort versinkt die junge Frau mit dem strahlenden Lächeln für ihr Leben gern in ihrer roten Couch – nicht nur körperlich. Auf dem Sofa lässt sie ihren Gedanken freien Lauf, hört bayerisches Musikkabarett, greift zum Buch oder Pinsel: Heute Martina Schwarzmann, morgen „Harry Potter und der Halbblutprinz“, übermorgen Chiemgau-Landschaften.

Sechs solche inklusive Wohlfühl-Oasen gibt es im Benedetto-Menni-Nest. Alle sechs Zimmer sind sternförmig um den Gemeinschaftsraum angeordnet. Niemand soll am Ende eines dunklen Ganges wohnen. Alle sind mittendrin – und einen Moment später ganz ungestört: Wenn Christina in ihre Bücherwelten eintaucht, halten schalldichte Türen den Lärm, den ihre Mitbewohner draußen machen, von ihr fern.

Bisher sechs
Wohlfühl-Oasen

Mitbewohner? Das trifft es nicht mehr ganz. Jaro-Anton ist nach drei Monaten längst kein „Mitbewohner“ mehr. Zwischen ihm und Christina ist eine Freundschaft entstanden. Auch das ist Glück.

Aber das Glück muss man sich manchmal hart erarbeiten, wenn nicht sogar erzwingen. Niemand weiß das besser als Dietmar Klemens, Vorsitzender des Benedetto-Menni Nest e. V., und seine Mitstreiter im Verein. Denn so ein Haus für zwölf junge Menschen mit Hilfebedarf – bald soll die zweite Sechser-WG im ersten Stock starten – baut sich nicht von allein. Dahinter steht eine beispielhafte Privatinitiative von Eltern betroffener Kinder.

Erst nach erfolgreichem Start, wenn staatliche Mittel und Mieteinnahmen fließen, wird sich der Betrieb der zwei Wohngemeinschaften selbst finanzieren. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Viele Löcher sind zu stopfen, viele Dinge anzuschaffen, viele Hürden zu nehmen. Deshalb setzt der Verein große Hoffnungen auf die Weihnachtsaktion unserer Zeitung.

Glück hat nur der Tüchtige, heißt es. Bei Christina trifft das zu. Sie arbeitet in den Wendelstein-Werkstätten in Raubling. Dort ist die 26-jährige Frau in der Endmontage beschäftigt. Bei ihr sitzt jeder Handgriff. Hergestellt werden Holzprodukte wie Topfuntersetzerl, Wäscheständer oder Bügelbretter von bester Qualität. Etwas schaffen, kreativ sein – auch das macht glücklich.

Wenn Christina nach einem langen Arbeitstag wieder „dahoam“ in Aschau ist, nimmt sie sich erst einmal eine halbe Stunde „Auszeit“ auf ihrem roten Sofa. Erst später, nach dem gemeinsamen Essen, schlägt sie dann ihren „Harry Potter“ auf. Oder am Wochenende. Sicher ist sie bald fertig mit dem Buch. Da passt es gut, dass Weihnachten vor der Tür steht. Vielleicht liegt dann neuer Lesestoff unterm Christbaum – liebevoll verpackt nicht vom Christkind, sondern von Jaro-Anton. Noch weniger Grund zum Streiten.

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