Erharting – Der Erhartinger Stephani-Umritt ist eine Tradition, die seit Jahrhunderten besteht, wenngleich mit Pausen. Eine große Zäsur für die Durchführung der Veranstaltung brachten die 1930er-Jahre, nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren.
Denn damit änderte sich auch das Umrittgeschehen. Ab dem Jahr 1933 merkt man dies auch bei der Ankündigung des Umrittes. Hatte man zuvor von kirchlicher Tradition und Heiligen auf Festwagen gelesen, so wurde nun vom „Stolz der Isentaler Bauern und ihren schönen Pferden, die zur Schau geritten werden“, berichtet.
Weiter hieß es: „So wird wohl Erharting auch heuer am Stephanitag der Sammelplatz jener sein, die am alten Brauch und der Sitte festhalten, um sich an schönen Pferden zu erfreuen“. Den Begriff „heilig“ vermeidet man, die Wagen werden stattdessen folgendermaßen kommentiert: „Die einzelnen Wagen zeigten die Steinigung des Stephanus, betend Bruder Konrad, einen Musikwagen, Erhartinger Buben und Mädchen, den betenden Bauersmann (Heiliger Isidor) mit Pflug und Engel sowie die Geburt Christi.“
Bauern bleiben
dem Umritt fern
Besonders erwähnenswert war, dass zwei mächtige Fahnen – eine Hakenkreuzfahne und eine schwarz- weiß-rote Fahne beim Umritt mitgetragen wurden. Dies ließen sich die Erhartinger Bauern nicht bieten und boykottierten daraufhin den Umritt, was sich dann auch in den massiv schwindenden Teilnehmerzahlen niederschlug.
Der Umritt im Jahr 1935 war geprägt von einer Parteikundgebung der NSDAP. Der Mühldorfer Anzeiger berichtete: „Unser schön gelegenes Isendorf war am Stephanitag das Wanderziel vieler. Es galt dem althergebrachten Stephani-Umritt und hierauf der großen Kundgebung der NSDAP beizuwohnen. Den Umritt belebten bodenständige und mit dem Volke verwurzelte Bilder und Darstellungen.“
Insgesamt 82 Pferde hätten an diesem Umritt teilgenommen, „der allgemein durch das gute Pferdematerial Freude und Bewunderung erregte“. Die anschließende Großkundgebung der NSDAP in der Brauerei Röhrl hätte sich dann ebenfalls eines starken Besuches erfreut. Mittels Lautsprecher sei die Kundgebung in die Gastwirtschaft Obermaier übertragen worden, „so dass allen Volksgenossen die Möglichkeit gegeben war, der Versammlung beizuwohnen“. Thema der Versammlung: Fragen, die in dieser Zeit die Bauern interessierten.
Kaum noch
Männer im Ort
Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges waren alle wehrfähigen Männer an den Kriegsfronten eingesetzt und der Fortbestand des Stephani-Umrittes schien gefährdet. Waren bisher Frauen hoch zu Ross eher eine „ordinäre Angelegenheit“, die von der Öffentlichkeit mit den vielfältigsten Vorurteilen bedacht wurden, so sollten gerade sie es sein, die die Umritttradition in Erharting aufrechterhielten. Wie eine schallende Ohrfeige müssen es die damaligen zweifelhaften Machthaber empfunden haben, als es die Erhartinger Bauern den ihnen zugeteilten Kriegsgefangenen erlaubten, ihre Rösser zur Segnung zu reiten. Denn schon immer galt ein berittener Mann als Ausdruck von Macht und Freiheit.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges sollte die Tradition des Umrittes weitergeführt werden: Mit einem Schreiben an die amerikanische Militärregierung im Dezember 1945 bittet der Erhartinger Pfarrer Heinrich Wandler um die Genehmigung zur Durchführung des Stephani-Umrittes.
Ein wichtiges Zeugnis der Nachkriegszeit, welche die Situation der Besatzungsmacht gegenüber dem bayerischen Brauchtum näherbringt. Das Ansuchen hatte der Pfarrer in Deutsch abgefasst und zur besseren Verständlichkeit für die US-Amerikaner zusätzlich in etwas ungelenkem Englisch erläutert. Aus dem Schriftstück geht hervor, dass der Umritt als „a religious procession on horseback“ bezeichnet wurde. Zeitzeugen berichten, dass der Umritt 1945, aus „Sicherheitsgründen“, von amerikanischen Militärpolizisten hoch zu Ross mit umgehängten Maschinenpistolen begleitet worden sei.
Für viele Kriegsheimkehrer in den folgenden Jahren war der Umritt immer wieder das Einlösen des Versprechens: „Wenn ich wieder gut heimkomm, dann reit ich beim Stephani-Umritt mit!“
Hatte man in den Kriegsjahren einen Umritt ohne Festwagen gestaltet, so ging man in den Nachkriegsjahren wieder dazu über, die altbewährten Motivwagen im Festzug zu integrieren. Als aber in den 1950er-Jahren die Technisierung in der Landwirtschaft immer mehr voranschritt, wurden die bäuerlichen Arbeitspferde immer mehr vom Dieselross, dem Bulldog, abgelöst. Als die Beteiligung am Umritt weiter rückläufig war und im Jahr 1955 nur noch 21 Pferde zur Segnung geführt wurden, entschlossen sich die Organisatoren, den althergebrachten Umritt einzustellen.
Erst 1981 entschloss sich Josef Vorbuchner, den Umritt wiederzubeleben. Dabei schlug ihm viel Unverständnis entgegen, doch er ließ sich nicht beirren und so hat sich der Umritt aus bescheidenen Neuanfängen unter Josef Vorbuchner zum bayernweit größten Stephani-Umritt mit lebenden Heiligen-Darstellungen entwickelt.