Mühldorf/München – Wer gut 100 Tage nach der Eröffnung der A94 Bilanz zieht, trifft auf eine fast ungebrochen harte Auseinandersetzung um die Autobahn durch das Isental. Auf der Habenseite steht die wesentliche Entlastung der alten B12, eine vermutlich höhere Sicherheit für Autofahrer und die deutliche Verkürzung der Fahrzeit. Auf der anderen Seite steht die hohe Lärmbelastung der Anwohner an der neuen A94.
Ein großer Gewinn:
Kürzere Fahrzeiten
Einer, der die Verkürzung der Fahrzeit täglich genießt, ist Wolfgang Hobmeier. Der Handwerker aus Neumarkt-St. Veit hat fast täglich in München zu tun, für ihn ist die Autobahn Gold wert. „Für uns ist das eine wahnsinnige Entlastung“, sagt er. Zum einen, weil die Straße nicht so gefährlich ist, zum anderen, weil es einfach schneller geht, eine halbe bis dreiviertel Stunde in jede Richtung. „Und dass sich der Verkehr dann vor München staut, diese Sorge hat sich nicht bewahrheitet. Da ist alles im grünen Bereich.“
Horst Pitter, Steuerberater aus Mühldorf, fährt vier- bis fünfmal in der Woche nach München, um 7 Uhr hin, gegen 18 Uhr zurück. „Dabei ist eine Zeitersparnis von 20 bis 25 Minuten drin.“ Den allmorgendlichen Stau kann er damit aber nicht vermeiden. „Sinnvoll wäre der Ausbau ab Hohenlinden auf drei Fahrbahnen“, sagt er.
Freude herrscht entlang der B12, die heute zwar nicht leer, aber wesentlich ruhiger geworden ist, wie Annemarie Haßlberger berichtet. Sie ist nicht nur Bürgermeisterin in Reichertsheim, sondern lebt auf ihrem Bauernhof direkt an der Straße. Deutlich weniger Lastwagen, deutlich ruhiger, endlich wieder links abbiegen können, wenn sie zu ihrem Hof will: „Es ist genau die Entlastung eingetreten, die wir erwartet haben.“
Haßlberger, die die Lärmvermehrung seit 1970 miterlebt hat, kann nachfühlen, was die Menschen entlang der A94 jetzt erleben. „Für die ist das natürlich einschneidend, weil die bisher gar keinen Lärm hatten.“
Autofahrer fahren
vermutlich sicherer
Ob sich die A94 positiv auf Unfallzahlen und Personenschäden auswirkt, lässt sich nach drei Monaten noch nicht mit Sicherheit sagen. Der Grund: Die Polizei gibt keine Zahlen heraus. Die werde es erst zur offiziellen Verkehrsbilanz im Freistaat geben, die in gut einem Monat vorliegen soll. Bis dahin gibt Polizei-Sprecher Martin Emig nur eine Einschätzung ab: „Tendenziell lässt sich feststellen, dass sich die Verlagerung des Verkehrs von der B12 auf das neue Teilstück der A94 entlastend, sowohl in Bezug auf das Verkehrsaufkommen, als auch auf das Verkehrsunfallgeschehen für die B12 ausgewirkt hat.“ Schwere Unfälle habe es auf dem neuen Abschnitt bislang nicht gegeben.
Dass die A94 neben dem Segen, den sie bringt, auch weiter Fluch ist, zeigen die Reaktionen entlang der Straße im Isental. Josef Platschka aus Pfaffenkirchen wohnt 600 Meter nördlich der Ornautalbrücke. „Die Ruhe, die wir gehabt haben, ist ein für alle Mal weg. Es gibt Tage, da ist man froh, nicht zu Hause zu sein.“ Die Anwohner seien davon ausgegangen, dass sie ausreichend vor Lärm geschützt würden. „Dass es ein Albtraum wird, damit haben wir nicht gerechnet. Dieser Autobahnlärm ist ein anderer als einer von der Bundesstraße, ist mein Eindruck.“ Er befürchtet, dass das derzeitige Interesse regionaler Politiker und der Landespolitik nach der Kommunalwahl nachlassen werde. „Unsere Heimat, so wie sie war, gibt es nicht mehr.“
Schnell formierten sich Gruppen, die einen besseren Schallschutz fordern. Die Autobahndirektion geht zwar nach wie vor davon aus, dass die Baugesellschaft Isentalautobahn GmbH entsprechend der Vorschriften gebaut hat, führt derzeit aber Überprüfungen der Maßnahmen an. Das heißt, Schallschutzwände werden nachgemessen und der Belag abgehört. Ministerpräsident Markus Söder hat ab Februar ein Tempolimit auf 120 Kilometer in der Stunde angekündet. Dagegen regt sich Widerstand, eine Online-Petition läuft bereits.
Studie: Tempolimit
bringt nichts
Nach Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen gibt es allerdings Zweifel an der Wirksamkeit eines Tempolimits. Wie die Bezirksregierung in Arnsberg im Sommer 2015 berichtet, hat ein Großversuch an der A45 bei Dortmund mit Tempo 100 über 30 Monate keinen positiven Effekt für den Lärmschutz gebracht. Der Grund ist laut Bezirksregierung, dass nicht Autos und Motorräder den meisten messbaren Krach machen, sondern Lastwagen – und für die gilt ohnehin ein Geschwindigkeitslimit von 80 Kilometern pro Stunde.
„Die Messungen zeigen, dass ein Tempolimit keine wesentliche Änderung der Schallemissionen bewirkt“, sagte laut Westfälischer Zeitung der Gutachter Roland Weinert von Brilon/Bronszi/ Weiser, dem Ingenieurbüro, das von der Landesregierung und der Bezirksregierung Arnsberg mit dem Großversuch zwischen den Autobahnkreuzen Dortmund West und Dortmund Süd beauftragt war.
Ob es für die Anwohner entlang der A94 aber Lärmschutz durch mehr und höhere Wände und Dämme geben wird, ist völlig offen, vor allem dann, wenn sich die Baufirmen an die gesetzlichen Vorgaben gehalten haben. Die sehen vor allem für Weiler und landwirtschaftliche Dörfer nach Angaben der Autobahndirektion nicht mehr Lärmschutz vor. Innenstaatssekretär Stephan Mayer (CSU) machte auf Nachfrage klar, dass eine Änderung der Bundesgesetze zu einem besseren Schutz für Menschen vor Lärm derzeit nicht angedacht sei.
Josef Seebacher, Sprecher der Autobahndirektion, nimmt die Kommunen ins Boot: Die können nach seinen Angaben jederzeit auf eigene Kosten mehr und höhere Lärmschutzwände errichten lassen. Ein Beispiel dafür ist Ismaning. Die Gemeinde baut derzeit auf eigene Kosten eine Lärmschutzwand an der A99.