Mühldorf – „Mittlerweile wird’s unerträglich bei uns.“ Mit diesen Worten schildert Thomas Leitermann die Situation mit Lieferengpässen bei Medikamenten im Landkreis. Leitermann führt die Inn-Apotheke in der Oderstraße und ist Sprecher der Apotheker im Kreis Mühldorf.
Gängige Schilddrüsenpräparate, Antibiotika, Blutdrucksenker, Schmerzmittel wie Ibuprofen, Psychopharmaka – das sind nur einige der Präparate, die von den Lieferengpässen der Großhändler und Hersteller betroffen sind. Leitermann selbst hatte zum Zeitpunkt des Gesprächs 120 Arzneimittel auf seiner Nachlieferungsliste, wie er mitteilte. Gerade bei den Antidepressiva herrsche eine Situation, in der „Patienten wirklich verzweifeln, weil ihr Wirkstoff nicht lieferbar ist“. Die ärztliche Einstellung auf das richtige Mittel beziehungsweise dessen richtige Stärke könne in diesen Fällen Monate dauern.
Viele Wirkstoffe in Fernost hergestellt
„Wir nutzen alle Vertriebswege, die uns zur Verfügung stehen“, verspricht Thomas Leitermann. Dies gehe soweit, dass man sich auch unter Kollegen gegenseitig aushelfe, was jedoch nur in Ausnahmefällen gesetzlich erlaubt sei. Bei manchen Arzneimitteln bekomme der Zulieferer der Apotheken im Monat nur drei Päckchen – dann müsse eine Apotheke schon Glück haben, um bei den Beziehern dabei zu sein.
Einen Grund für die Versorgungsmisere sieht Leitermann darin, dass viele Wirkstoffe aus Kostengründen nur noch in Fernost – Indien oder China – hergestellt würden. Sollte sich dann eine Charge bei der Überprüfung durch den Arzneimittelhersteller in Europa als fehlerhaft erweisen, steht sie für die Produktion nicht zur Verfügung. Das Produkt sei dann über einen längeren Zeitraum nicht lieferbar. Bei den Großhändlern stünden zum verordneten Medikament allerdings teilweise Alternativprodukte zur Verfügung, da zum Beispiel Blutdrucksenker mit ein und demselben Wirkstoff nicht nur von einem Hersteller angeboten würden.
Doch da kommt Leitermann zufolge die Rabattregelung der Krankenkassen ins Spiel. So habe derzeit jede Krankenkasse bei manchen Medikamenten mit nur einem Hersteller einen Rabattvertrag abgeschlossen, obwohl Rabattverträge mit mehreren Herstellern möglich wären.
Reicht der Apotheker nun aufgrund eines Lieferengpasses ein Alternativprodukt aus, das teurer ist als das im Rabattvertrag der Kasse vorgesehene, könne es passieren, dass die Kasse die Zahlung verweigert oder der Patient die Mehrkosten tragen müsse – was die Apotheker aber keinesfalls forcieren wollten, wie Leitermann betont. In solchen Fällen sei dann der Apotheker in der Erklärungspflicht, warum es in der Situation notwendig gewesen sei, zu dem Alternativmedikament zu greifen. Der Abschluss von Rabattverträgen mit mehreren Herstellern seitens der Kassen würde die Situation etwas entschärfen, so Leitermann. Auf politischer Ebene wird mittlerweile angestrebt, diese Vorgehensweise gesetzlich vorzuschreiben.
Außerdem, so Leitermann, seien manche Arzneimittel in Deutschland sehr günstig, was hohe Exportquoten beispielsweise nach Großbritannien oder in die USA und damit eine ungenügende Verfügbarkeit auf dem deutschen Markt zur Folge habe. Wohin der Trend bei der Medikamentenverfügbarkeit gehe, sei derzeit nicht abzusehen.
Und wie reagieren die Kunden, wenn sie ihr verordnetes Medikament nicht bekommen? „Die Bandbreite ist gewaltig“, so Leitermann. Mittlerweile fingen Patienten auch an, Medikamente zu horten, um bei einem Lieferproblem auf ihren Vorrat zurückgreifen zu können.