Unverwüstlicher Waldkäfer

von Redaktion

Schrauber-Spezln machen alten VW wieder flott

Unterreit – Der „Waldkäfer“ – er fährt! Zwar hat er keine Türen, kein Dach und keine Frontscheibe. Eigentlich sitzt auf dem selbsttragenden Rahmen nur der vordere Karosseriekorb mit Lenkrad. Man kann erahnen, dass es sich um einen „Kugelporsche“ Baujahr 1958 handelt. Dennoch: Auf der freien Privatstraße macht die restaurierte VW-Karosserie mit Feuerwehr-Tragkraftspritzenpumpe als Antrieb an die 100 Sachen.

Noch vor einem Jahr lag das schrottreife Kultauto in einem Wald bei Grünthal halb verschüttet, bis es von Flo Rauscheder aus Kraiburg gemeinsam mit seinem Bruder Markus ausgegraben und geborgen wurde (wir berichteten). Gut fünf Jahrzehnte dürfte der VW Käfer 1200 dort vor sich hin gegammelt haben.

Restauriert
im „Rat-Look“

Auf die Probefahrt haben sich Flo Rauscheder aus Kraiburg und Adi Ruhaltinger aus Mühldorf schon lange gefreut. Die beiden Schrauber-Spezln haben sich gemeinsam vorgenommen, den Käfer zu restaurieren, so viel an Originalteilen wie möglich zu erhalten und den Wagen wieder auf die Straße zu bringen. Und das Ganze im „Rat-Look“, wie man das in der Szene nennt, wenn Rost ein gewolltes Stilmittel ist – samt Roststellen und Moos. „Das undefinierbare ausgeblichene Grün und die Spuren des Alters und der Witterung werden konserviert mit Owatrol-Öl“, sagt Flo (38), der gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Markus (36) in Kraiburg hobbymäßig eine Hinterhof-Werkstatt betreibt. Aus Spaß am Schrauben. In seinem „bürgerlichen Leben“ arbeitet Flo bei der Post.

Der „Waldkäfer“ ist nun aus mehreren Fragmenten baugleicher Käfer zusammengebaut, „um eine gesunde Struktur zu bekommen“, erklärt Flo, der jedes Einzelteil des Waldkäfers zerlegt, begutachtet und wenn möglich repariert hat. Das Originalgetriebe sei zwar noch funktionstüchtig, allerdings so stark korrodiert, dass es kein Öl halte.

Ein Motor war nicht mehr vorhanden, als die Rauscheders den Schrottwagen, den im Wald jemand als Unfallwagen entsorgt hatte, vergangenen Herbst bargen. Seither habe Flo Rauscheder fast täglich an seinem Projekt gewerkelt, sein Mitstreiter Adi die ganzen Teile sandgestrahlt. Der Unterboden wird wie neu aussehen. Die Oberseite, also auch das „Häusl“ und die Innenausstattung, werden die Geschichte des Wagens erzählen – und „antik“ sein. „Wir wollen den Charakter des Käfers erhalten und verzichten auf Neuteile, die müssten wir sonst patinieren. Technisch steht er – nun sind wir etwa bei der Hälfte unseres Vorhabens“, sagt Flo Rauscheder stolz. Natürlich ist die Karosserie tiefergelegt und hat vorerst ein sogenanntes Statik-Fahrwerk bekommen und gedroppte Federschwerter für die stabile Spur der Hinterachse. Vermutlich ist der Wagen damit aber zu tief und ein Luftfahrwerk wird nachgerüstet, um den Käfer heben und senken zu können.

Die Pulverbeschichtung der Teile nahm Korbinian Bayer vom „Werk 84“ in Kastl vor. „Allererste Sahne“, lautet Flos Urteil. Der Motor, der beim Käfer bekanntlich im Kofferraum sitzt, war nicht mehr vorhanden. Die Schrauber haben dem Waldkäfer einen Teil einer alten Feuerwehrausstattung eingebaut. Es handelt sich um einen alten VW-Industriemotor, eine Feuerwehr-Tragkraftspritzenpumpe. Im Moment funktioniert er wie ein Pumpenmotor – unabhängig von der Zündung. „Das bauen wir noch um“, sagt Flo. Das hofft der TÜV wohl auch. Die Stabilität des Gefährts, das im Moment an eine Seifenkiste erinnerte, kommt vom selbsttragenden Rahmen“, sagt Adi Ruhaltinger. Das Wichtigste sei, dass Hinterachse und Vorderachse, die mit dem Mitteltunnel verbunden sind, nicht durchgerostet seien. „Das ist das Rückgrat des Wagens“, erklärt der Mühldorfer, der im Bereich Oldtimer- und Rennsportservice tätig ist. Und in seiner Freizeit Rallye fährt, zum Beispiel in Algerien oder Rumänien. Nicht aber im Corona-Jahr, wie er bedauert.

Umso größer war die Vorfreude auf die Testfahrt mit dem Waldkäfer. Dass dieser auf der freien Strecke einer Privatstraße 100 Sachen macht, liege zum einen am geringen Gewicht, weil „Häusl“ und Innenausstattung – bis auf die Sitze – fehlen. Aber auch am Standmotor, der autark läuft. Nicht verwunderlich ist, dass das Projekt Waldkäfer für Gesprächsstoff sorgt. „Sowas bringt die Leut‘ zam“, sagen die Beteiligten. Und wie! Der „Waldkäfer“ hat Flo auch eine neue Liebe eingebracht: Seine „Schrauberbraut“ hat er bei einem Autotreffen kennengelernt.

Unterteil stand lange
im Wohnzimmer

Vanessa Möller aus Altenmarkt ist total begeistert und nun voll bei der „Operation Waldkäfer“ eingebunden. Natürlich auch schon damit gefahren. „Sowas ist genau mein Ding, das bockt voll“, sagt die 32-Jährige mit leuchtenden Augen. „Beste Frau“, findet Flo. Vermutlich auch, weil sie es gar nicht seltsam fand, dass das Unterteil des Waldkäfers den Winter über im Wohnzimmer stehen durfte.

Autorin Andrea Klemm hat eine Probefahrt unternommen. Das Video unter www.ovb-online.de

Jede Menge Aufmerksamkeit

Wir wollen den Charakter erhalten

und verzichten auf Neuteile.

Flo Rauscheder

Unangenehme Überraschung

Weil die Geschichte des Waldkäfers durch den Bericht in der OVB-Heimatzeitung und die Sozialen Netzwerke so viel Aufmerksamkeit erhielt, bekamen Flo und Adi von Fans viele Kleinteile wie Zündunterbrecher, Zündkerzen oder gleich ganze Pakete angeboten und teils geschenkt. „Der Flo hat sich fast schon fanatisch ins VW-Käfer-Thema eingearbeitet. Das Netzwerken auf Instagram und Facebook ist super, da kommen auch viele Tipps“, sagt Ruhaltinger.

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