Ein Waldkraiburger Wirt reagiert auf erste Öffnungsperspektiven für die Außengastronomie mit einer vorübergehenden wirtschaftlichen Notbremse und macht auch seinen Lieferservice dicht. Kunden einer Kosmetikerin in der Stadt schlagen Alarm, weil sie fürchten dass die Notbremse des Bundes Behandlungserfolge zunichte macht oder verzögert. Und Hochzeitspaare könnte das Planungschaos, das die Pandemie verursacht hat, schier zum Verzweifeln bringen, wenn sie nicht so verliebt wären. Es ist wieder allerhand passiert in dieser Woche. Und (fast) alles hat mit der Pandemie zu tun.
Doch ein Ereignis drängt diesmal im ganzen Landkreis selbst das Thema Corona in den Hintergrund. Es ist die unfassbare kriminelle Energie und das Ausmaß des Leids, die im Zusammenhang mit einer Festnahme in einem kleinen Dorf im südlichen Landkreis Mühldorf bekannt wurden. Dort also, wo die Welt noch in Ordnung ist, wie es so schön heißt.
Genau dort soll ein 49-jähriger Vater im Keller seines Hauses einen digitalen Umschlagplatz für grauenhaftes kinderpornografisches Material betrieben haben. Zuletzt sollen über 400000 Nutzer weltweit auf dieser Plattform Bilder und Videos ausgetauscht haben, auf denen Buben sexualisierte Gewalt angetan wird.
Die Zerschlagung des Kinderschänder-Netzwerks und die Aufklärung der damit verbundenen Taten kann nicht vor Ort geschehen. Sie ist Sache der nationalen und internationalen Ermittlungs- und Justizbehörden.
Vor Ort, hier bei uns, in Mühldorf oder Waldkraiburg, in Haag oder Neumarkt, Taufkirchen, Ampfing, Aschau, wo auch immer, kann es nur darum gehen, sensibler zu werden, offener für ein Thema, das niemand in seiner Nähe haben möchte: Missbrauch von Kindern.
Es gibt noch immer eine Mauer des Verdrängens und Wegschauens. Organisationen und Beratungsstellen, die seit Langem auf das Problem und die hohe Dunkelziffer an Missbrauchsfällen aufmerksam machen, können sie noch immer kaum durchdringen.
Die Betroffenheit, der Schock, die der spektakuläre Ermittlungserfolg der Bundespolizei ausgelöst hat, kann helfen, hinzuschauen. Zuzulassen, dass es denkbar ist, nicht nur weit weg, sondern auch hier bei uns. In vielen sozialen Feldern, in Sportvereinen, in den Kirchen, in den Familien, ja, vor allem dort.
Es geht nicht darum, das soziale Umfeld mit einem Generalverdacht zu belegen, der jedes Zusammenleben unerträglich machen würde. Es geht aber um eine Kultur der sensiblen Beobachtung, eine Kultur des Hinschauens. Die sind wir alle den Kindern, Schwächsten in dieser Gesellschaft, schuldig.