Kein Frauenhaus für den Landkreis

von Redaktion

Kreisausschuss Mühldorf will bedrohte Frauen und Kinder besser schützen

Mühldorf – Der Kreisausschuss hat in seiner jüngsten Sitzung einstimmig die Präventionsarbeit des Landkreises zum Schutz und zur Unterstützung von Frauen, Kindern und Jugendlichen, die von Gewalt bedroht sind, begrüßt. Gleichzeitig bestätigten die Ausschussmitglieder die aktuellen Maßnahmen des Landratsamtes und des Vereins Frauen helfen Frauen, weitere sogenannte Krisenwohnungen im Landkreis einzurichten sowie eine Interventionsstelle beim Verein Frauen helfen Frauen zu fördern.

Nur drei Prozent der
Fälle werden bekannt

Ausgangspunkt war ein Antrag der Fraktionen der Grünen und der SPD, der die Errichtung eines eigenen Frauenhauses im Landkreis Mühldorf zum Gegenstand hatte. Daraufhin gab es ein gemeinsames Gespräch mit den Antragstellern und dem Verein Frauen helfen Frauen im Landratsamt. Daraus resultierte ein Änderungsantrag, der nun Thema im Kreisausschuss war.

„Häusliche Gewalt betrifft Frauen jedes Alters, mit und ohne Kinder“, unterstrich Judith Bogner (Grüne) als Antragstellerin den Bedarf an Schutz und Beratung für betroffene Frauen. „In Bayern werden 16000 Fälle pro Jahr gezählt. Studien gehen von einer Dunkelziffer von 97 Prozent aus. Das bedeutet, diese 16000 Fälle sind lediglich drei Prozent.“

„Die Unterbringung der Frauen und Kinder außerhalb der eigenen Wohnung ist immer der allerletzte Schritt. Dieser soll nach Möglichkeit vermieden werden“, so Landrat Max Heimerl. „Das zentrale Ziel unserer vielfältigen Präventions- und Schutzmaßnahmen im Landkreis ist es, den Betroffenen frühzeitig Unterstützung anzubieten, um eine Eskalation zu vermeiden.“ Je mehr Prävention es gebe, um so niedriger sei der Bedarf an einem Frauenhaus.

„Für dieses Ziel arbeiten seit sechs Jahren mehrere Kooperationspartner im Landkreis eng zusammen, um frühzeitig Entwicklungen zu erkennen und entsprechend zu reagieren“, berichtete Claudia Holzner, Geschäftsbereichsleiterin im Amt für Jugend und Familie. „Wir dürfen keine blinden Flecken übersehen.“

Im Arbeitskreis „Häusliche Gewalt“ tauschen sich regelmäßig Vertreter des Amtes für Jugend und Familie, des Vereins Frauen helfen Frauen, des Frauenhauses, des Kinderschutzbundes, der Polizei und des Amtsgerichtes aus. Gemeinsam entwickeln sie bedarfsgerechte Strukturen.

Verstärkt werden dabei die Möglichkeiten des Gewaltschutzgesetzes genutzt. Danach kann zum Beispiel eine von Gewalt bedrohte Frau – unabhängig von den Eigentums- oder Besitzverhältnissen – in ihrer bisherigen Wohnung verbleiben und gegen den Aggressor gegebenenfalls ein Näherungsverbot ausgesprochen werden.

Dank einer Erweiterung um zwei Vollzeitstellen konnte das Beratungsangebot von Frauen helfen Frauen deutlich erweitert werden. Der Landkreis beteiligt sich mit 60000 Euro an den zusätzlichen Personalkosten. Dass diese Informations- und Beratungsmöglichkeiten auch angenommen werden, zeigt sich auch an der gestiegenen Zahl der Beratungen in den vergangenen beiden Jahren.

In manchen Fällen kann es dennoch erforderlich sein, Frauen und deren Kindern kurzfristig eine Unterkunftsmöglichkeit zu bieten. Auch ohne akute Bedrohungslage, die eine Unterbringung in einem Frauenhaus erfordern würde. Dafür sucht der Landkreis gemeinsam mit Frauen helfen Frauen weitere dezentrale Krisenwohnungen. „Wir hätten gerne vier bis fünf solcher Wohnungen“, stellte Landrat Heimerl fest und bat die Ausschussmitglieder darum, vorhandene Unterbringungsmöglichkeiten zu melden.

Aktuell prüft der Landkreis Mühldorf die fachlichen und finanziellen Voraussetzungen für eine Interventionsstelle bei Frauen helfen Frauen. Erst vor einer Woche gab es dazu neue Förderrichtlinien des Freistaats für zehn Beratungsstunden. Damit soll von Gewalt betroffenen Frauen ein psychosoziales Beratungsangebot zur Verfügung stehen.

Ziel ist bestmögliche
Unterstützung

„Mit diesem Dreiklang – bestehend aus der Beibehaltung der präventiven Maßnahmen, der Einrichtung von weiteren Krisenwohnungen und dem Aufbau einer Interventionsstelle – leistet der Landkreis für die Betroffenen die bestmögliche Unterstützung“, betonte Landrat Max Heimerl. Man wolle auch weiterhin zeitnah und passgenau reagieren.

Kreisrat Günther Knoblauch (SPD) mahnte, man müsse Gewalt gegen Frauen und – zwar seltener – auch gegen Männer als wirkliches Problem anerkennen: „Das gibt es in jeder Gemeinde und jeder gesellschaftlichen Ebene. Das gemeinsam anzugehen ist ein gutes Zeichen.“

Der Antrag „Frauenhaus für den Landkreis Mühldorf“ wird heute auch in der öffentlichen Sitzung des Kreistages behandelt. Sie beginnt um 14 Uhr in der Turnhalle des Beruflichen Schulzentrums an der Innstraße in Mühldorf.

Landkreis setzt auf Krisenwohnungen

Der Landkreis Mühldorf verfügt über kein eigenes Frauenhaus. Derzeit stehen im Frauenhaus der beiden Landkreise Mühldorf und Altötting jeweils fünf Plätze für Frauen und Kinder zur Verfügung, die in konkreten Bedrohungssituationen anonym Schutz benötigen – ein Platz davon für den Landkreis Mühldorf. Mit einer vom Landkreis und dem Verein „Frauen helfen Frauen“ eingerichteten Krisenwohnung im Landkreis Mühldorf gibt es eine zusätzliche kurzfristige Unterbringungsmöglichkeit im Bedarfsfall. cl

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