Sandra Bubendorfer-Licht (MdB Foto Becker
Ampfing – „Quo vadis Chemiedreieck?“ stand auf der Agenda des IHK-Regionalausschusses am Mittwoch im Fohlenhof in Ampfing. Wohin geht also die Reise? Um sich dieser Frage zu stellen, waren zum ersten Mal der IHK-Präsident für München und Oberbayern, Prof. Klaus Josef Lutz, und der Hauptgeschäftsführer, Dr. Manfred Gößl, zu einer Sitzung gekommen. Sie sprachen mit den Mitgliedern des Regionalausschusses über die Auswirkungen der Energiekrise für die Region.
Sanktionen richten
Schaden an
Mit Blick auf die Sanktionen gegen Russland fordert Lutz von der Bundesregierung ein „klares Energiekonzept“. Dass Deutschland noch immer über keinen Liefervertrag für Flüssiggas aus dem Nahen Osten verfüge, sei eine „kritische Situation“.
Als Vorstandsvorsitzender der BayWa gab er die Risikoanalyse des Versorgerkonzerns weiter: „Fuel switch: Öl statt Gas“. Zwar profitiere davon möglicherweise auch Russland als Mitglied der OPEC, doch stiegen die Rohstofferlöse des Kriegstreibers seit Monaten sowieso, ohne dass eine Förderquote erhöht wurde.
Angesichts schwankender Energiepreise solle die Bundesregierung der Wirtschaft einen Preiskorridor garantieren, der die Kosten für die Unternehmen kalkulierbar mache: „Extreme Spitzen sollten durch Steuermittel abgefedert werden, was wir dann langfristig zurückzahlen“, erklärte Gößl.
Generell würden sich die Energiepreise seiner Meinung nach in den kommenden Jahren vervierfachen. Es müsse daher schnellstmöglich „jeder auch noch so kleine Hebel in Bewegung“ gesetzt werden, um die Gasreserven zu schonen.
So dürfe es keine ideologischen Tabus mehr geben: Die drei Atomkraftwerke dürften nicht abgeschaltet und Fracking müsse erlaubt werden.
Florian Loserth, der stellvertretende Vorsitzende des Regionalausschusses, kritisierte die Energiepauschale der Bundesregierung in Höhe von 300 Euro als kontraproduktiv: „Damit wird doch keine Energie und kein Gas eingespart!“
Keine Denkverbote
und Tabus
Hermann Jäger erklärte, dass der vom IHK-Präsidenten zuvor propagierte „fuel switch“ keine Universallösung sei: „Gibt es 24 Stunden lang kein Gas, geht bei uns das Licht aus!“, so der Geschäftsführer einer Privatmolkerei aus Haag. Thomas Freiberger aus Maitenbeth wollte angesichts der Wartung von Nordstream 1 wissen, warum Nordstream 2 ein Tabu sei: „Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten viele Geschäfte gemacht, die völkerrechtlich bedenklich waren!“, so der Vermögensverwalter.
Dr. Bernhard Langhammer von ChemDeltaBavaria stellte klar, dass man beim Gas im Vergleich zu anderen deutschen Standorten, wo Gas nicht nur Energielieferant, sondern primärer Rohstoff sei, tendenziell noch das geringere Problem habe.
Das Problem mit den im Vergleich zum Weltmarkt viel zu hohen Energiepreisen verschärfe sich hingegen weiter. Als Signal für internationale Investoren forderte er ein klares Bekenntnis zum Wirtschaftsstandort in Form der „läppischen 40 Millionen Euro“ Zuschuss zum Reallabor Burghausen, der bereits seit sechs Monaten beantragt sei.
Dr. Christoph von Reden wies darauf hin, dass zu hoch gesteckte CO2-Ziele kontraproduktiv seien, weil man besser realistische Forderungen an die Industrie stellen solle.
Dr. Norbert Winkelhofer berichtete von bereits existierenden Plänen zur „Triagierung der Geschäfte“ von Wacker. Demzufolge könnten unrentable Produktionsprozesse nach und nach abgeschaltet werden, wenn die Energiepreise weiter steigen: „Die Krise verschärft nur das Problem, das wir seit inzwischen 10 Jahren haben!“, so der Verkaufsleiter des Standortes in Burghausen.
Privatkunden werden
2023 Krise spüren
Geschäftsführer Alfred Lehmann von den Stadtwerken Mühldorf wies darauf hin, dass man im Großkundengeschäft schon jetzt „Aufschläge von 300 bis 500 Prozent weiterreichen“ müsse.
Das große Erwachen werde es nach seiner Ansicht aber erst Anfang 2023 geben, wenn man die Preissteigerungen dann auch an Privatkunden weitergeben müsse, da dann langjährige Zulieferverträge enden und man auch keine großen Spielräume bei der Marge habe.
FDP-Wahlkreisabgeordnete Sandra Bubendorfer-Licht nahm – unter krankheitsbedingter Abwesenheit ihres Bundestagskollegen Stephan Mayer (CSU) – aus der Diskussion mit, dass es keine Denkverbote beispielsweise bei der Atomkraft geben dürfe. Eine Rationierungspolitik hält sie nicht für sinnvoll.