Palling – Spätestens bis zum 31. Juli 2024 müssen Tierhalter in Deutschland gemäß dem Tierhaltungskennzeichnungsgesetz die Haltungsform ihres Betriebs anzeigen. Eingeteilt wird sie gemäß dem neuen Label, das das Bundeslandwirtschaftsministerium plant, in fünf Stufen. Sie splitten praktisch die bisher höchste der vier Stufen der „Initiative Tierwohl“ (ITW), die für Bio-Haltung stand, in zwei Stufen auf. Das wird diese Initiative großer Handelsketten und des Deutschen Bauernverbands dann wohl ab dem Sommer übernehmen, deren Label Verbrauchern aus den Supermarkt-Prospekten schon vertraut ist.
Zwei Referenten berichten
Das berichteten zwei Referenten des Fleischerzeugerrings Mühldorf-Traunstein bei zwei Fachveranstaltungen für Schweinemäster in Palling und St. Johann. Dazu eingeladen hatten der Ferkelerzeuger Gerhard Langreiter aus Oberneukirchen im Landkreis Mühldorf als Vorsitzender des Fleischerzeugerrings und Clara Späth, Sachgebietsleiterin für Tierhaltung am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Töging. Der „rote Faden“ ihrer Veranstaltungen war die Frage, ob es sich lohnt, für mehr Tierwohl in neue Ställe zu investieren, einen höheren Zeitaufwand dafür in Kauf zu nehmen und sich für Fördergelder auf neue Anforderungen einzulassen.
Zu standardisiertem System entwickelt
„Die Schweinehaltung hat sich ohne große Anteilnahme der Gesellschaft zu einem standardisierten System entwickelt, bei dem die rein sensorische Qualität und rationelles Arbeiten im Vordergrund standen, aber das hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt“, berichtete in Palling Franz Mitterberger, Bereichsleiter Schweinevermarktung der Viehvermarktungsgenossenschaft VVG Bayern in Waldkraiburg. „Plötzlich bekamen ,subjektive Qualitätsmerkmale’ wie die gentechnikfreie Fütterung, das Tierwohl, die Transporte und die Art der Schlachtung eine hohe Bedeutung.“ Die Schweinemäster müssten ihr Produkt Schweinefleisch also mit Daten ausstatten, die mit der sensorischen Qualität nichts zu tun haben. „Die Frage am Ende des Tages lautet: Wer bezahlt für diesen ganzen Aufwand?“, betonte Mitterberger. Auf die Frage eines Landwirts, wie denn die Nachfrage bei den höheren Haltungsstufen sei, antwortete der Referent, die Haltungsstufe 3 sei nachgefragt und da „gehe noch etwas“. Bei der Haltungsform 2 sei zu beachten, dass zum Beispiel Edeka als Abnehmer magere Schweine wolle. Seiner Erfahrung nach dächten viele Betriebe der Haltungsstufen 1 und 2 ans Aufhören, aber nicht die ab der Haltungsstufe 3, die in einen neuen Stall oder in einen Auslauf investiert hätten.
Zuvor hatte Michael Bachl als Fachmann des AELF Töging für die Schweinehaltung berichtet, dass laut dem LKV Bayern, einer Beratungsgesellschaft bayerischer Tierhalter, bei den dort registrierten Betrieben in Bayern 752 der Haltungsstufe 1 angehörten und 369 der Haltungsstufe 2, während nur 30 Betriebe „Strohschweine“ erzeugten oder einen Außenklimastall hätten. Das steht im klaren Gegensatz zur Aussage von Aldi, bis 2030 sein Frischfleisch-Sortiment auf die ITW-Haltungsformen 3 und 4 umzustellen, und ähnlichen Ankündigungen von Lidl. „Mit solchen Aussagen geht der Handel null Risiko ein. Wenn er dann nicht genügend Fleisch dieser Stufen bekommt, schiebt er eben den ,Schwarzen Peter’ den Landwirten zu“, sagte dazu Vermarktungs-Spezialist Franz Mitterberger.
Die höheren Haltungsformen kosten Geld für den Stallumbau und den Bezug von Stroh und dessen Handling. Gastgeber Gerhard Langreiter hatte deshalb schon eingangs betont, die 101 dem Fleischerzeugerring angehörenden aktiven Betriebe müssten nun genau überlegen, ob es sich für ihren eigenen Betrieb bezahlt mache, höhere Anforderungen an das Tierwohl zu erfüllen und sich dafür um Fördergelder zu bewerben. Möglicherweise könne es auch besser sein, nach eigenem Gusto weiter zu wirtschaften, denn staatliche Fördergelder könnten niemals so viel einbringen wie eine ordentliche Vermarktung.
Über die in Aussicht stehenden Fördergelder informierte Peter Rahbauer, der im Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus (StMELF) im Referat L5 Tierhaltung, Tierwohl, Tierzucht für den Schweinebereich zuständig ist. Er schilderte das von Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir geplante Förderprogramm, das einerseits den Stallumbau, andererseits die laufenden Mehrkosten höherer Standards fördere. Förderfähig seien maximal fünf Millionen Euro pro Betrieb und jeder Betrieb könne höchstens
1950000 Euro bekommen – aber nur, wenn er beim Windhundverfahren zu den ersten gehöre, die einen genehmigten Bauantrag einreichten.
Die „investive Förderung“ fand der Referent „nicht uninteressant“, während die „Förderung der laufenden Mehrkosten“ seiner Berechnung nach deutlich unter den zu veranschlagenden Kostenansätzen liegt. Als Alternative führte Rahbauer das Förderprogramm „BayProTier“ an, das sein Ministerium aber momentan ausgesetzt habe. Es habe bisher einen Förderzeitraum von einem Jahr vorgesehen, der auf fünf Jahre verlängert werden solle. Noch sei aber unklar, ob das so komme, weil ins Förderprogramm auch Bundesmittel einfließen würden, die nach dem Greifen des Bundesprogramms womöglich wegfallen.
Für interessierte Verbraucher nicht uninteressant war ein Vortrag von Dr. Jürgen Schmid, Leiter des Sachgebiets Veterinäramt und Verbraucherschutz des Landratsamtes Traunstein, über die Kontrollen seitens der Veterinärbehörden.
Ministerium
will nicht aufstocken
Er sagte, im Nutztier-Bereich gebe es aus Kapazitätsgründen keine regelmäßigen Tierschutzkontrollen, weil das Ministerium personell nicht aufstocken wolle. „Anlasskontrollen“ gebe es dagegen bei Auffälligkeiten am Schlachthof oder bei der Abholung der Tiere sowie bei Hinweisen von Tierärzten oder der Bevölkerung. Als häufigste Fehlerquellen im Schweinebereich führte er die Versorgung kranker oder verletzter Tiere, fehlendes Beschäftigungsmaterial und mangelhafte Wasserversorgung an. „Die Tierhaltung ist personalintensiv, daher ist die nicht ausreichende Überwachung durch Betriebspersonal in den letzten Jahren der größte Mangel in den Betrieben“, schloss Schmid.
Gut ins neue
Jahr gestartet
Abgesehen von den geschilderten politischen Plänen sind die Schweinemäster laut dem VVG-Spezialisten Franz Mitterberger nach einem „außerordentlich guten Schweine-Jahr“ 2023 gut ins neue Jahr gestartet. „Preislich ist die Situation gut und auch das Futter ist nicht mehr so teuer“, erklärte auch Gerhard Langreiter, der in Oberneukirchen Ferkelerzeuger ist und damit den Schweinemästern der Region zuliefert.