Traunstein/Töging – Zweieinhalb Monate nach einem versuchten Tötungsdelikt an einem 32-Jährigen am Morgen des 27. November 2022 vor einer Diskothek in Töging wanderte einer der mutmaßlichen Haupttäter, ein inzwischen 22-jähriger syrischer Staatsangehöriger aus Burgkirchen an der Alz, in Untersuchungshaft.
Mit zwei weiteren Tatverdächtigen im Alter von damals 16 Jahren, mittlerweile 17 und 18, muss er sich aktuell vor der Ersten Jugendkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Heike Will verantworten – wegen versuchten Totschlags und/oder gefährlicher Körperverletzung. Bei dem damaligen Streit vor dem Lokal hatte ein zweiter Mann ebenfalls Verletzungen erlitten.
Der sechstägige Prozess der Ersten Jugendkammer begann mit einem Kurztermin Mitte Februar. Die Angeklagten mit ihren Verteidigern Harald Baumgärtl und Dr. Markus Frank aus Rosenheim, Inge Bazelt aus Neuötting und Karl-Heinz Merkl aus Burghausen äußerten sich dabei weder zur Person noch zur Sache. Auch gestern schwiegen die Männer auf der Anklagebank.
Gemäß Anklage wollten die beiden später Geschädigten zusammen mit ihrer Begleiterin nach dem Besuch im Lokal „Silo“ gegen 5 Uhr zu ihrem bestellten Taxi gehen. Dabei sahen sie auf eine mehrköpfige Männergruppe auf der anderen Straßenseite, unter ihnen die Angeklagten. Aus der Gruppe heraus wurde die Frau sexistisch beleidigt, laut Staatsanwältin Sabine Krotzky. Ein heftiges Streitgespräch folgte.
Die Unbekannten kamen über die Straße zu den Zeugen und begannen, gemeinsam auf die Männer einzuschlagen. Ein Opfer zog sich bei dem Handgemenge eine blutende Nase, Prellungen und Schmerzen zu. Der andere wollte dem Freund helfen und trug eine angeschwollene schmerzende Lippe davon.
Plötzlich soll der direkt vor dem 32-jährigen Nebenkläger stehende 22-Jährige mit einem Butterflymesser dreimal zugestochen haben – in dessen Bauch, in den Brustbereich und ins Gesäß. Danach flüchteten die Angeklagten.
Der 32-Jährige merkte anfangs nichts von der Stichverletzung. Die Integrierte Leitstelle schickte auf einen Notruf hin, bei dem von einem Messer die Rede war, mehrere Polizeistreifen und Rettungskräfte zum Tatort. Dort war jedoch kein Tatverdächtiger mehr zu finden. Der Schwerverletzte war bereits im Kreisklinikum Mühldorf. Ärzte retteten sein Leben mit einer Notoperation. Die Polizeiinspektion Mühldorf wurde von dem Krankenhaus über den wahrscheinlich durch ein Messer massiv Verletzten in der Notaufnahme informiert. Ein Beamter vom Kriminaldauerdienst der Kripo Mühldorf fuhr sofort hin. Der 32-Jährige und seine Freunde konnten die Täter aus der aggressiven Gruppe nur vage beschreiben. Der Verdacht erhärtete sich, dass drei Personen beteiligt waren.
Im Zuge der langwierigen Ermittlungen gelangte die Kripo dank eines Zeugenhinweises zuerst auf die Spur des 17-jährigen Angeklagten, unter anderem über Instagram-Profile. Genmaterial und Blut an der Kleidung des 32-Jährigen erbrachten einen DNA-Treffer. Damit stand nach gestrigen Worten eines Polizeizeugen fest, „dass auch der 22-jährige Angeklagte am Tatort war“.
Auf einer Wahllichtbildvorlage konnte der Nebenkläger, dem Opferanwalt Axel Reiter aus Mühldorf juristisch zur Seite steht, den Messerstecher „zu 99 Prozent“ identifizieren. Über einen Zeugen geriet der dritte Angeklagte, Bruder des mutmaßlichen Haupttäters, in den Fokus der Polizei. Wohnungsdurchsuchungen erbrachten weitere Indizien.
Der 32-jährige Nebenkläger berichtete, man habe erst den Christkindlmarkt in Schwindegg besucht und dann die Diskothek in Töging. Beim Gang zum Taxi habe jemand die Begleiterin beleidigt. Den Wortlaut wisse er nicht mehr, so der Zeuge. Er habe gesagt: „Das ist meine Schwester. Lass sie in Ruh.“ Die Gruppe sei ihnen gefolgt.
Die weitere Schilderung des Landschaftsgärtners deckte sich mit dem Geschehen aus der Anklage mit einer Rangelei. Eine Unbekannte habe gerufen: „Hört’s auf, hört’s auf.“ Beim Weggehen habe er etwas Feuchtes bemerkt: „Der Pullover war nass. Es war einfach komisch.“ Da erst habe er das viele Blut gesehen, aber keinen Schmerz verspürt. Glücklicherweise sei das Taxi da gestanden. Die Freundin habe ihn ins Krankenhaus gebracht.
Nach der Operation habe er zwei Nächte in der Klinik bleiben müssen. Etwa einen Monat lang habe er starke körperliche Schmerzen empfunden. Inzwischen fühle sich die betroffene Seite des Oberkörpers taub an. Wenn er von etwas berührt werde, fühle er ein schmerzhaftes Ziehen.
In die Disco sei er seit dem Vorfall nicht mehr gegangen. Psychisch gehe es ihm wieder „relativ gut“, antwortete der 32-Jährige auf Fragen von Vorsitzender Richterin Heike Will. In dem Verfahren werden zwei Sachverständige – der Psychiater Dr. Reiner Huppert aus München und der Rechtsmediziner Dr. Fritz Priemer aus Wonneberg – noch ihre Gutachten erstatten. Weitere Prozesstermine finden am 12., 13. und 20. März, jeweils um 9.30 Uhr, statt. monika kretzmer-diepold