Neumarkt-St. Veit – „So, bei der Ampel biegen wir dann links ab. Achtung, da kommt uns ein Auto entgegen“, instruiert Fahrlehrer Christian Unterhuber seinen Fahrschüler. Der meint trocken: „Den habe ich schon gesehen“ und biegt souverän ab. Ein Dialog, der bei Fahrstunden tagtäglich vorkommen kann. Doch Unterhuber hat diesmal keinen „normalen“ Fahrschüler am Steuer, sondern einen Senior.
Der Senior möchte seine Fahrtauglichkeit überprüfen lassen – freiwillig – und dreht eine Runde mit dem Fahrlehrer. Das kommt ganz selten vor, weiß Unterhuber, vielleicht zwei- bis dreimal im Jahr. Dabei sei es oftmals so, dass Senioren zu ihm kommen, weil sie nach einem Unfall von ihrem Arzt die Empfehlung bekommen haben, noch einmal ein paar Fahrstunden zu nehmen.
OVB-Mitarbeiter
wagt Selbstversuch
Die Diskussion um eine verpflichtende Prüfung der Fahrtauglichkeit für Senioren ist seit einigen Monaten wieder intensiver geworden, da die EU-Kommission eine einheitliche Regelung für alle Mitgliedsstaaten vorgeschlagen hatte. Deshalb haben die OVB Heimatzeitungen die Probe aufs Exempel gemacht und Karlheinz Jaensch, freier Mitarbeiter in Neumarkt-St. Veit, stellte sich für einen Selbstversuch zur Verfügung. Jaensch, der im April 81 Jahre alt wird, ließ sich von Fahrlehrer Christian Unterhuber bei einer Fahrt mit dem Fahrschulauto auf die Finger schauen.
Von der Zulassungsstelle in Mühldorf an der Nordtangente über Mößling und den Autohof in Frixing ging die Fahrt und anschließend über die Bürgermeister-Hess-Straße, die Innere Neumarkter Straße und die Friedrich-Ebert-Straße wieder zurück. „Eine klassische Prüfungsstrecke“, meinte Unterhuber. Der Chef der Fahrschule Wöss in Neumarkt-St. Veit achtet bei so einer Fahrt auf fünf Kriterien: die Verkehrsbeobachtung des Fahrers, die Fahrzeugpositionierung, die Wahl der Geschwindigkeit, die Kommunikation mit den anderen Verkehrsteilnehmern, partnerschaftliches Verhalten und umweltschonende Fahrweise.
Der Landesverband Bayerischer Fahrlehrer lehnt auf Nachfrage eine Tauglichkeitsprüfung ab. Christian Unterhuber sieht das differenzierter. Von einer verpflichtenden Überprüfung hält er zwar auch nichts, aber er fände es gut, wenn freiwillige Anreize geschaffen werden, die Fahrtauglichkeit immer wieder überprüfen zu lassen. Gleichzeitig gibt er zu bedenken, dass das Auto auf dem Land nach wie vor das wichtigste Fortbewegungsmittel ist, da der ÖPNV nur mäßig ausgebaut sei. Eigenständige Mobilität bringe den Senioren Unabhängigkeit und ermögliche die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
Am Samstag, 9. März, hat ein 83-jähriger Autofahrer in Berlin eine 41-jährige Mutter und ihr vierjähriges Kind vermutlich wegen überhöhter Geschwindigkeit überfahren und getötet. Daraufhin entbrannte in den sozialen Netzwerken erneut die Debatte über die Fahrtüchtigkeit von Senioren. Wenn es nach der EU-Kommission geht, sollte eine verpflichtende Fahrtauglichkeitsprüfung für Senioren ab 70 Jahren eingeführt werden. Das EU-Parlament hat eine einheitliche Regelung abgelehnt und die Sache in die Hände der Mitgliedsstaaten gelegt.
Eine Entscheidung, die Bundesverkehrsminister Volker Wissing ausdrücklich begrüßt. In Deutschland wird daher eine Regelung mit großer Wahrscheinlichkeit nicht kommen. „Deutschland möchte solche Zwangsuntersuchungen nicht haben“, betonte er. Eine Einschätzung, die durch eine Umfrage, die beim 62. Verkehrsgerichtstag in Goslar diskutiert wurde, widerlegt wird: 89 Prozent der Befragten sind für die Einführung einer Fahrtauglichkeitsüberprüfung. Am ehesten sind die Befragten dafür, die Fahrtauglichkeit zwischen dem 60. und 70. Lebensjahr überprüfen zu lassen.
Laut dem Statistischen Bundesamt haben im Jahr 2022 Menschen ab 65 Jahren 18,2 Prozent der Unfälle mit Personenschaden verschuldet. Also weniger Unfälle, als ihrem Bevölkerungsanteil von rund 22 Prozent entsprechen würde. Der ADAC rät den Senioren dennoch, ihre „Fahrfähigkeit stets selbstkritisch im Blick zu behalten“. Mit dem Alter können Reaktionsfähigkeit sowie Seh- und Hörvermögen nachlassen, so der Automobilclub.
Unfallstatistik zeigt keine Auffälligkeiten
Für Karl-Heinz Jaensch hatte Unterhuber nach der Fahrt zwei Tipps parat: Sich beim Fahren etwas mehr Zeit lassen und etwas langsamer fahren sowie mehr Abstand zum rechten Fahrbahnrand halten. Allerdings hielt er dem „Fahrschüler“ auch zugute, dass er mit einem unbekannten Auto – dem Fahrschulauto – fahren musste. Und Jaensch räumte ein, dass er trotz seiner Erfahrung – er hatte seinen Führerschein Mitte der 1960er-Jahre gemacht – schon angespannt war und „nicht so locker, wie mit meinem Auto gefahren ist“. Das eigene Auto sei ihm so vertraut, beinahe „wie eine zweite Haut“. Christian Unterhuber ergänzte, dass Senioren mit ihrer Routine „viel kompensieren können“. Das funktioniere aber nicht so gut, wenn „man in einem fremden Auto sitzt und jede Aktion beobachtet wird“, so Jaensch.