Waldkraiburg – Kürzlich bewegte das Ensemble des Euro-Studios Landgraf das Publikum im Haus der Kultur mit dem Stück „Gott“ von Erfolgsautor Ferdinand von Schirach tief. Der heute 60-Jährige war zwei Jahre alt, als sein Großvater Baldur aus dem Gefängnis Spandau nach 20-jähriger Haft wegen des Abtransports von jüdischen Menschen entlassen wurde. Enkel Ferdinand spezialisierte sich nach dem Studium auf Strafrecht und ließ sich als Rechtsanwalt in Berlin nieder. 2009 wurde sein Leben komplett auf den Kopf gestellt, als er nach der Veröffentlichung von elf Kriminalfällen aus seiner Kanzlei international zum mehrfach ausgezeichneten Best- sellerautor wurde.
Seit Februar 2020, als das Bundesverfassungsgericht den Paragrafen 217 des Strafgesetzbuchs für verfassungswidrig erklärte, geriet die Frage „Darf man jemand bei einer Selbsttötung helfen?“ in die Schlagzeilen. Auf der einen Seite steht das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen, dem der Schutz des Lebens und die Verantwortung für eine Person, die Unterstützung braucht, gegenübersteht.
Der 78-jährige Richard Gärtner ist geistig und körperlich vollkommen gesund, möchte jedoch nach eigenem Entschluss sterben, weil er nach dem Tod seiner Frau keine Freude mehr am Leben hat. Der ehemalige Architekt führte eine glückliche Ehe bis zur Krebserkrankung und dem Tod seiner politisch und sozial recht engagierten Frau. Er will sich nicht vor einen Zug werfen, sondern in Würde abtreten – und das mit Hilfe von Natrium-Pentobarbital, das ihm seine Hausärztin verabreichen soll.
Mit seinen Söhnen und Enkeln hat er sein Vorhaben besprochen, und sie akzeptieren seinen Entschluss. Man ist nun als Publikum gleichsam Teilnehmer an der Sitzung des Ethikrats, der ein Urteil in diesem schwierigen Fall fällen soll.
Tief berührend gleich der Beginn, als Richard Gärtner aus einer Schachtel ein Kleid seiner Frau hervorholt und dazu überlebensgroß ihr Bild im Hintergrund erscheint. Dr. Brandt, seit 20 Jahren seine Ärztin, holte Atteste von Psychologen ein, Herr Gärtner sei gesund, sehr selbstbewusst und auch selbstbestimmt. Als Abschreckung schildert sie vor dem Rat einige Fälle von misslungenen Selbstmordversuchen.
Professor Litten als Rechtssachverständige klärt Dr. Keller vom Ethikrat auf über die Sterbehilfe in der Schweiz, zum Beispiel bei „Exit“, einer gemeinnützigen, nicht-gewinnorientierten Einrichtung, denn es gebe ja keine Rechtspflicht zu leben. Bei uns sei dies sehr transparent, es sei Aufgabe der Ärzte, das Mittel zu verschreiben.
Professor Sperling von der Bundesärztekammer geht davon aus, dass der Arzt heilen und nicht töten soll: „Der Mensch findet mit professioneller Hilfe auch nach so einem Fall zurück ins Leben, und wir haben eine ausgezeichnete Palliativmedizin.“ Hier fällt ihm sofort Gärtners Verteidiger, Rechtsanwalt Biegler, etwas lässig ins Wort: „Ausgebildete Mediziner dafür haben wir in Deutschland ganze drei Prozent.“
Gott kam zur Sprache mit dem Bischof als theologischem Sachverständigen: „Herrn Gärtners Schicksal ist sehr außergewöhnlich. Für die Kirche ist ja auch Abtreibung Mord. Die Bibel verbietet Selbstmord nicht, der Selbstmörder ist jedoch als Christ verloren.“ Hier hakt der Verteidiger erneut ein. Der Fall einer jungen Frau kommt zur Sprache, die schuldlos ein Kind überfahren hat und seither Selbstmordabsichten hegt. Als Biegler auf die Schweizer Sterbehilfe verweist, hält ihm der Theologe entgegen, dass der Glaube in jeder Religion verlange, das Leben zu ertragen.
Mit diesem Hintergrund wurde das Publikum in die Pause entlassen mit der Aufforderung, sich an einer Abstimmung zu beteiligen: Wer dafür ist, dass Richard Gärtner das Medikament erhält, solle im Foyer durch Tor A gehen, wer dies ablehne, durch Tor B. Ergebnis: Es gab 178 Ja-Sager, 128 Personen waren für ein Nein und ebenfalls 128 enthielten sich der Stimme.
Tief beeindruckend die unwahrscheinliche Dichte von Schirachs Sprache: Es fiel kein einziger nichtssagender Satz, ganz gleich, von welchem der acht hervorragenden Schauspieler er gesprochen wurde. So war nur zu erwarten, dass der Schlussapplaus kein Ende nehmen wollte. Die meisten Besucher gingen sicher mit dem Gefühl nach Hause, in dieser herausragenden Inszenierung zwar einen Denkanstoß, aber bei Weitem keine endgültige Entscheidung bekommen zu haben. Erika Fischer