Mühldorf – „Ein bisschen muss ich jetzt auf die Bremse treten“, meint Manfred Greipel und schaut dabei seiner Hildegard in die Augen, die ihn spitzbübisch anlächelt. Die quirlige Mühldorferin weiß insgeheim, so unrecht hätte ihr Gatte mit dem Kürzertreten nicht, schließlich ist sie mit 80 Jahren nicht mehr die Allerjüngste, und das eine oder andere Zipperlein klopft an die Tür.
Doch wären da nicht die vielen Ehrenämter, die flehentlich rufen „Hildegard, wir brauchen dich!“ Allen voran der Altenclub St. Nikolaus, den es seit 50 Jahren gibt und den die Pensionistin seit 30 Jahren leitet. „40 Jahre bin ich schon dabei. Den Club gründete einst Hans Kansy, um ältere Menschen aus ihrer Einsamkeit zu holen. Das ist bis heute so geblieben“, erzählt die Mühldorferin und legt gleich einen großen Ordner auf den Tisch, gefüllt mit abwechslungsreichen Ideen für die Gestaltung der monatlichen Treffen.
Der Altenclub ist nicht
nur zum Ratschen da
Am Club-Nachmittag einfach nur ratschen und Kaffee trinken ist der Leiterin zu wenig. Sie lädt interessante Referenten zu verschiedensten Themen ein. „Jahrelang habe ich die Programme daheim auf der Schreibmaschine getippt“, erinnert sich Hildegard Greipel, die ganz froh ist, dass jetzt eine Pfarrsekretärin diese Aufgabe per Computer erledigt. Arbeit bleibt dennoch genügend übrig.
Die Mitglieder des Altenclubs schauen zudem immer wieder gerne über die Kirchturmspitzen der Stadt hinaus. Im Klartext heißt das: Ausflüge werden organisiert. Das Ehepaar Greipel wählt die einzelnen Ziele aus und Hildegard betont: „Mein Mann und ich fahren jeden Ort, den wir aufsuchen möchten, vorher ab, um zu prüfen, ob eventuelle Sehenswürdigkeiten und Lokale für ältere Personen und Menschen die Gehhilfen benötigen, auch tatsächlich geeignet sind.“
Mit Schwung und Elan geht die 80-Jährige auch ihre anderen unterhaltsamen Termine und „Schanzln“ an und das sind deren einige, wie sie schmunzelnd zugibt. Einmal im Monat gibts ein Klassentreffen mit ehemaligen Mitschülern aus der Grundschulzeit, dann steht die Greipel seit über 20 Jahren als Lektorin in der Kirche und bei der Caritas-Sammlung macht sie seit rund 25 Jahren aktiv mit.
Im Kirchenchor ließ sie sage und schreibe 50 Jahre lang ihre Stimme erklingen. „Als unser Sohn noch klein war, konnten wir eigentlich nie gemeinsam an Weihnachten und Ostern frühstücken, weil ich als Sängerin in der Kirche gebraucht wurde“, lächelt die Pensionistin und lobt dabei ihren Mann, der stets daheim für ein schmackhaftes Mittagessen gesorgt hat. „Ich lasse mich immer noch gerne von ihm bekochen“, so die Oma von zwei Enkelkindern.
„Mühldorfs
beste Vorleserin“
„Die Stimme meiner Frau kennen viele Leute und das unabhängig vom Kirchenchor“, weiß Gatte Manfred und da hat er sicher recht. Schließlich trägt seine Hildegard den Titel „Mühldorfs beste Vorleserin“. Und dafür blättert das Ehepaar in unzähligen Mappen und Büchern. Die Pensionistin sucht darin nämlich bayerische Geschichten und Gedichte, die sie jahraus, jahrein auf verschiedenen Veranstaltungen vorträgt. Dies ist die wahre Leidenschaft der fröhlichen Zeitgenossin.
Ihrem Mann wird
sie selten zu viel
Den Beweis tritt sie gleich beim Gespräch mit dem OVB an. Neben dem Genuss von Orangenschorle und Keksen darf die Schreiberin auch noch exklusiv ein Frühlingsgedicht hören. Ausdrucksstark interpretiert von Hildegard, die, wie sie erzählt, auch regelmäßig im Regionalradio ihre Sonntagsgedanken teilt.
Kommt die Adventszeit daher, so muss sich die Lesetante richtig sputen. Da warten nämlich nicht nur das Seniorenforum Mühldorf und der Gartenbauverein Töging auf Mundart-Verse, auch der VdK sowie der Sängerbund können in der Vorweihnachtszeit nicht auf Hildegard Greipel verzichten.
Die Mühldorfer Berühmtheit wird aufgrund ihres Engagements nicht nur in der Kreisstadt geliebt und geschätzt. Abheben ist aber trotzdem nicht drin bei Hildegard, auch wenn in ihrem Wohnzimmer ein Flieger an der Decke hängt. „Das ist ein Überbleibsel unseres Sohnes“, erklärt das Ehepaar, das sich von dieser ungewöhnlichen Dekoration nicht trennen will.
Eine Frage noch an Manfred Greipel: Wie hält er es mit so einer rührigen Dame eigentlich ein Leben lang aus? „Sehr gut“, meint er und ergänzt augenzwinkernd: „Wenn es mir mal zu viel wird, fahre ich einfach mit meinem roten Roller durch die Lande.“