Mühldorf – Für Magdalena Singer, die Schulleiterin der Mädchenrealschule Rosenheim, war schon lange klar, wie gegendert werden soll. „Wenn ich Frauen meine, dann schreibe ich die weibliche Form auch direkt hin – ohne Stern und Doppelpunkt“. Das sei in ihrer Schule schon vor etwa zwei Jahren beschlossen worden. Es habe sich noch keine ihrer insgesamt 642 Schülerinnen durch diese Ansprache benachteiligt geführt.
Schüler müssen nicht um Noten fürchten
Diese Punkte und Sterne sollen nun laut Markus Söder in allen bayerischen Schulen und Behörden verboten werden. Genauer gesagt der Gender-Gap, der Genderstern, das Binnen-I und der Doppelpunkt oder Mediopunkt. In den Elternbriefen, im Unterricht und in der internen Kommunikation der Schule soll von Lehrern und Lehrerinnen beziehungsweise von Lehrern oder Lehrkräften die Rede sein. Laut der Bayerischen Staatskanzlei gilt das unabhängig von Entscheidungen des Rates für deutsche Rechtschreibung zu der Frage der Verwendung von Sonderzeichen.
Ein offizielles Schreiben des Kultusministeriums ist laut Georg Suttner, dem stellvertretenden Schulleiter des Finsterwalder-Gymnasiums in Rosenheim, bei ihm noch nicht angekommen. „Ich habe bis jetzt nur aus den Medien von dem Beschluss gehört“, sagt er. Daher sei er mit seiner Meinung dazu noch zurückhaltend. An seiner Schule habe es vorher keine einheitliche Regelung gegeben. „Aber es fällt keiner durch, weil gegendert wurde“, sagt Suttner. Wichtiger als die Sprache sei es ihm, im täglichen Verhalten alle Menschen gleichberechtigt zu behandeln.
Auch nach Söders Beschluss soll kein Schüler, der die Genderschrift benutzen möchte, um seine Noten bangen. Laut der Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbands, Simone Fleischmann, sei es wichtig, dass die Schulen frei im mündlichen Sprachgebrauch bleiben und die Schüler nicht um ihre Noten fürchten müssen. Daher soll die Gender-Schreibweise in Aufsätzen nicht als Fehler gewertet werden.
„Für mich ist das jetzt nichts Neues“, sagt Christine Neumaier, Schulleiterin am Gymnasium Mühldorf. Für sie sei es nur ein klarstellender Hinweis auf die bestehenden amtlichen Regelungen. „Wir sind eine staatliche Behörde, und amtliche Regelungen sind umzusetzen. Ich sehe das ganz unaufgeregt.“ Maria Partsch, Schülersprecherin am Gymnasium Waldkraiburg, findet ein Verbot dagegen schwierig. „Jeder sollte fähig sein, selbst zu entscheiden, ob er gendert“, sagt sie. Im Privaten würde sie die Gendersprache verwenden. „Ich will, dass die weibliche Gruppe nicht im generischen Maskulinum untergeht“, sagt sie. Wenn sie in der Schule eine Rede halte, würde sie nun von Schülern und Schülerinnen sprechen.
Entsetzen
in Wasserburg
Auch Dr. Agnes Matrai, Geschäftsführerin der Volkshochschule Wasserburg, sieht den Beschluss kritisch. „Als promovierte Linguistin bin ich entsetzt“, sagt sie. Bisher hat die Volkshochschule ebenfalls in den Programmheften gegendert, sogar Kurse zum Gendern habe die Volkshochschule angeboten. „Sprache schafft Realität“, sagt Matrai. Es gebe viele Studien, die nachweisen würden, dass Menschen das verbreitete generische Maskulinum als männlich wahrnehmen. Also, dass Menschen beispielsweise mit dem Wort Ärzte eben Männer und keine Frauen oder nicht-binäre Personen verbinden würden, so die Sprachwissenschaftlerin und Volkshochschulleiterin. Eine „Offenheit gegenüber unseren Kursteilnehmern“ sei der Volkshochschule immer wichtig gewesen, weshalb bisher auch gegendert wurde. Dennoch ist Matrai nicht für eine Vorschrift zum Gendern. „Weder Vorgaben noch Verbote zum Gendern sind der richtige Weg, um mit diesem Thema umzugehen“, findet die Sprachwissenschaftlerin.
Vielmehr sei sie dafür, der Entwicklung ihren „natürlichen Verlauf“ zu lassen. „Sprache verändert sich ständig“, sagt Matrai. „Wir reden auch nicht mehr wie in mittelalterlichen Zeiten“, sagt sie. Das Gendern sei schlicht ein Teil davon. „Es ist eine Entwicklung, die gerade vor unseren Augen passiert“, sagt sie.
Noch sei unklar, ob es sich durchsetze oder nicht. Sie sei dafür, die Entwicklung der Sprachgemeinschaft zu überlassen. „Entweder diese stellt fest, dass die Vorteile überwiegen – oder es stellt sich heraus, es ist zu sperrig.“ Warum es Verbote brauche, sei ihr „völlig unverständlich.“
Ob die Volkshochschule nun ebenfalls vom Gendern abweiche, sei noch unklar. „Wir sind ein Verein“, sagt sie, von dem Genderverbot, das auf Verwaltungen und staatliche Schulen und Hochschulen abzielt, seien sie also nicht betroffen. Trotzdem wolle sie in der nächsten Vorstandssitzung das Thema besprechen.
Gendersternchen möglichst vermeiden
Der Mühldorfer Landrat Max Heimerl findet den Beschluss der Staatsregierung zum Gender-Verbot nachvollziehbar, da er der Empfehlung entspricht, die der Rat für deutsche Rechtschreibung veröffentlicht hat. Für das Landratsamt Mühldorf habe die Entscheidung jedoch keine Auswirkungen. „Wir orientieren uns in Mitteilungen und Texten immer am gewachsenen sprachlichen Standard und kommunizieren verständlich, lesbar und zugänglich.“