Namen für die Opfer

von Redaktion

Ruperti-Gymnasiasten stellen Projektergebnisse vor

Mühldorf – Bürgermeister Michael Hetzl freute sich über einen gut gefüllten Haberkasten, als die Schülerinnen und Schüler der 9. Jahrgangsstufe des Ruperti-Gymnasium angerückt waren, um ihre Ergebnisse im Projekt „Names to the faces“ vorzustellen. Es ging also darum, den unbekannten Gesichtern der Opfer, die während der Zeit des nationalsozialistischen Terrorregimes im Mühldorfer Hart mörderische Zwangsarbeit verrichten mussten, einen Namen zuzuordnen. Dazu waren neben vielen Familienmitgliedern auch mehrere Lehrkräfte mit Oberstudiendirektorin Christine Neumeier präsent. Natürlich war Terry Swartzberg da, die Triebfeder des Projektes „Names to the faces“, das in dieser Woche im Landkreis Mühldorf Station gemacht hatte. Er arbeitet für die Stiftung J.E.W.S., „Jews engaged with society“, diese Abkürzung bedeutet „Juden in der Gesellschaft engagiert“.

Lieder
ohne Worte

Die Veranstaltung eröffnete die Gymnasiastin Theresa Weinzierl, die auf dem Flügel äußerst gekonnt eines der 48 lyrischen Klavierstücke mit dem Titel „Lieder ohne Worte“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy interpretierte. Theresa hatte ein Stück des jüdischen Komponisten (1809 bis 1849) gewählt, das gut zum Thema der Veranstaltung passte.

Terry Swartzberg äußerte sich wie folgt: „Ich habe in dieser Woche viele nette Menschen aus Mühldorf kennengelernt. Ich komme aus New York, bin oft dort. In fünf Wochen werde ich in einer Synagoge in Illinois stehen und dort auch Eure Ergebnisse vorstellen.

Was ich in den Staaten immer wieder gefragt werde – gibt es Juden in Deutschland und wissen die Deutschen über den Holocaust Bescheid? Ja, es gibt 300000 Juden, die in Deutschland leben, und die Deutschen wissen Bescheid.“ Stadtoberhaupt Michael Hetzl bezeichnete den Holocaust als „das schlimmste Verbrechen der Menschheit aller Zeiten. Das zweitschlimmste Verbrechen aber wäre, ihn einfach auszuradieren und zu vergessen. Es wurden 8500 Häftlinge im Mühldorfer Hart, dem größten Außenlager des Konzentrationslagers Dachau zur Zwangsarbeit eingesetzt, viele Tausende sind gestorben. Es freut mich, dass unsere Gedanken hierzu auch in die USA getragen werden.“

Ilse Preisinger-Sontag lobte Terry Swartzberg: „Sie bringen viele Menschen und Institutionen zusammen – das Ruperti-Gymnasium mit Stefan Wolf und Nicole Sinz, den Verein für das Erinnern mit Franz Langstein, die Bayerische Stiftung für Gedenkstätten, die Stadt Mühldorf mit Stadtarchivar Edwin Hamberger, das Geschichtszentrum Mühldorf mit Korbinian Engelmann, die evangelische und die katholische Kirche mit Pfarrerin Anita Leonhardt und Pfarrer Klaus Vogel. Mit diesem Projekt gebt ihr den Opfern und den Überlebenden des Holocaust ein Gesicht, was diesen weniger abstrakt, aber nicht weniger abscheulich macht. ‚Nie wieder!‘ kann man nur aussprechen, wenn man weiß, was vorher war.“

Für Frieden
in der Welt

Terry Swartzberg begann mit einem Kaddisch, im eigentlichen Sinne ein Gebet für Tote, hier aber eher eine Hymne an das Leben. Auf Hebräisch betete er für den Frieden in der Welt. Gabriele Schneider vom Vorstand J.E.W.S. war auch nach Mühldorf gekommen, sie sprach ein Gebet für die sechs Millionen ermordeten Juden, die die Welt hätten retten und die Wunden heilen können. Dann war es an der Zeit, die Werke der jungen Geschichtsforscher der Öffentlichkeit zu präsentieren. Erfreulich ist es anzumerken, dass darauf geachtet wurde, die Beiträge im gesamten zur Verfügung stehenden Spektrum moderner Medien vorzustellen. Andere Mitglieder aus der Klasse befragten die Autoren anschließend. Auch die Fragen waren wohl überlegt: „Was hättest Du ihn oder sie befragt, wenn es möglich gewesen wäre?“, „Welche Meilensteine gab es in ihrem/seinem Leben?“ Oder: „Was lernen wir aus diesem Schicksal?“ Quentin, Marius und Maximilian hatten über Benno Wolf einen Rap geschrieben, der das Lager nur überlebt hatte, weil er in die Schneiderei versetzt worden war. Der Rap enthielt Begriffe wie „Dunkelheit im Herzen“, „40 Kilo Körpergewicht“ oder „Fieber“.

Rebecca, Annalena und Leonie gingen in einem Podcast, einem Hörbeitrag, der Frage nach, was die damalige Bevölkerung über das Lager gewusst hatte und sie hatten Zeitzeugenberichte von Lorenz Wastlhuber, Adelheid Jaist, Tibor Dembik und Walter Taus ausgewertet. Bei Zeitzeugen besteht im Übrigen das Problem, dass es kaum noch lebende Zeitzeugen gibt. Es wurden hier die unmöglichen Bedingungen im Lager aufgezeigt: Schwerverbrecher waren Kapos, also Aufseher, Prügel und Hunger waren an der Tagesordnung. Bei überlangen Arbeitszeiten mussten Zementsäcke geschleppt oder Pflüge gezogen werden. Die eigentlich dazu vorgesehenen Rinder ließ man im Stall. Ältere oder Schwächere wurden ausgesondert, sprich getötet.

Theresa, Pia, Hanna, Lena und Julia hatten einen kurzen Film über den grausamen Lageralltag gedreht, Lara, Julia, Julia-Sophie und Victoria ein Checker-Video über Max Mannheimer, dem im Landkreis wohl bekanntesten Lagerinsassen. Bei einem solchen Video werden Fragen gestellt und sogleich beantwortet.

Liebe ist stärker
als der Tod

Katharina und Miriam haben über Adolf Weiss einen Würfel gebastelt, Julian, Florian, Luca und Sebastian einen Film über „Weingut 1“ gedreht, wie das Waldlager im Nazijargon hieß. Sophia, Ramona und Anna hatten ein Plakat über Josef und Aranka Bessermann erstellt. Die beiden hatten sich im Waldlager kennen- und lieben gelernt, sie heirateten. Beide bewiesen, dass Liebe stärker als der Tod ist.

Lucia und Maia haben einen Zeitungsartikel geschrieben, in dem es um Gabriel Melzer geht, einem der wenigen, dem die Flucht aus dem Waldlager gelang. Christine und Amelie berichteten über das Lagerbaby Hanna, das zweite im Lager geborene Baby, das das Lager überlebt hatte. Ein erstes Baby war ertränkt und verbrannt worden.

So endete nach eineinhalb Stunden ein beeindruckender Nachmittag, nach dem man feststellen konnte, dass auch nach fast 80 Jahren die Opfer des Waldlagers im Mühldorfer Hart nicht in Vergessenheit geraten sind und von den Rupertianern ein wichtiger Beitrag zum „Nie wieder!“ geleistet wurde. hra

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