Mühldorf – Wenn man in das alte, liebevoll restaurierte Bauernhaus von Dr. Reinhard Baumgartner in Polling kommt, ist man sofort mittendrin im Geist der bayerischen Volkskultur. Nichts wirkt inszeniert, nichts dekoriert, alles ist echt. Dort lebt der Mann, der seit vielen Jahren das Amt des Kreisheimatpflegers für Volksmusik und Brauchtum im Landkreis Mühldorf ausfüllt. Ehrenamtlich, neben seinem Beruf als Mediziner im medizinischen Versorgungszentrum – aber mit einer Hingabe, die sicher keine Selbstverständlichkeit ist.
Beachtliche
Sammlung
„Wer nicht weiß, woher er kommt, der weiß auch nicht, wohin er geht“, sagt Baumgartner, und in seiner Stimme liegt kein Pathos, sondern tiefe Überzeugung. Gemeinsam mit seinem Stellvertreter Reinhard Albert hat er eine beachtliche Sammlung regionaler Musikkultur aufgebaut. Noten wurden gesammelt, Lieder dokumentiert, historische Aufnahmen gerettet, CDs produziert, Hörbeispiele archiviert – Stück für Stück wurde ein musikalisches Gedächtnis der Region geschaffen. Und das nicht im Verborgenen: „Wir wollten Volksmusik nicht im Archiv verstauben lassen. Sie muss gehört, gesungen und gespielt werden – sonst lebt sie nicht“, sagt Baumgartner.
Um genau dieses lebendige Element geht es auch bei der Jubiläumsveranstaltung am Samstag, 19. Juli, im Innenhof des Haberkastens in Mühldorf. Unter dem Titel „So klingt’s bei uns“ präsentieren ab 19 Uhr 15 Gruppen aus dem Landkreis Volksmusik mit Zithern, Gitarren, Stimmen und Geschichten. Karten sind noch erhältlich „Es ist nicht nur ein Konzert. Es ist eine Einladung, Teil dieser Tradition zu werden und sie für die Zukunft zu bewahren und weiterzugeben“. Die Kreisheimatpflege Mühldorf war in den vergangenen 25 Jahren mehr als Denkmalpflege in Tönen. Sie war Veranstalterin, Impulsgeberin, Ideensammlerin. Matineen, Adventssingen, Wirtshaussingen, Singstunden in Schulen, Volksmusikfeste – immer mit dem Ziel, die Musik dorthin zu bringen, wo sie hingehört: mitten ins Leben. „Volksmusik kann eine neue Akzeptanz entwickeln, wenn sie gut dargeboten wird und die Menschen mit einbezieht. Wenn daraus ein Gemeinschaftsgefühl entsteht, wird sie wieder zu einem echten Lebensmittel – etwas, das Menschen verbindet und ihnen Identität gibt“, sind sich Dr. Reinhard Baumgartner und sein Stellvertreter Reinhard Albert einig.
Dass dieser Einsatz Früchte trägt, wird im Herbst besonders deutlich: Am 17. Oktober 2025 wird im 1. Stock des Kulturzentrums Haberkasten die Ausstellung „Heimat kennen – Heimat lieben – Heimat pflegen“ eröffnet. Sie zeigt unter dem Untertitel „Spuren regionaler Volkskultur“ die Ergebnisse jahrzehntelanger Feldforschung und Sammlungsarbeit: Notensammlungen, historische Musikinstrumente, Hörbeispiele, Videomaterial, Fotos, 36 großformatige Informationstafeln – eine einzigartige Zusammenschau regionaler Kulturgeschichte, die man nicht nur sehen, sondern auch hören kann.
Heimat
erlebbar machen
„Heimat soll erlebt werden – mit all ihren Ausprägungen: Landschaft, Sprache, Musik, Kleidung, Brauchtum“, betont Baumgartner. „Gerade heute, wo globale Kulturangebote allgegenwärtig sind, wird das Bedürfnis nach etwas Eigenem, nach Verwurzelung, immer größer.“ Volksmusik kann dabei eine Brücke sein – von gestern zu morgen, von Erinnerung zu Zukunft.
Und so bleibt das Ziel der Kreisheimatpflege für diese Zukunft klar: Räume zu schaffen, in denen Volksmusik kein Relikt, sondern ein Erlebnis ist. Beim Dorffest, beim Wirtshaussingen, beim Tanz, beim Familiennachmittag – mitten im Leben. Denn, so Baumgartner: „Was aus echter Überzeugung gepflegt wird, hat Zukunft. Und wer zuhört, erkennt schnell, dass diese Musik viel mehr bedeutet, als man gemeinhin denkt“.