Kirchdorf – Zwölf Mitglieder hat der Gemeinderat Kirchdorf. Neun positionieren sich jetzt klar: Sie wollen keine weitere Legislaturperiode mit Bürgermeister Christoph Greißl. Er will noch einmal antreten, trotz der großen Probleme in der ersten Amtszeit: Chaos in der Verwaltungsgemeinschaft (VG) mit Reichertsheim, Nothaushalt, schlechtes Arbeitsklima, Kündigungswellen beim Personal. Das wird seit zwei Jahren aufgearbeitet, Greißl möchte diesen Prozess weiter als Rathauschef begleiten.
Spannungen schon
länger spürbar
Doch die große Mehrheit des Gemeinderates steht nicht mehr hinter ihm. Bei einem exklusiven Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen erklären Josef Schneider, Werner Eberl, Josef Heindl, Andreas Reuß, Josef Oberniedermaier, alle Vertreter der FWG Kirchdorf, außerdem Martin Köpernik (FWG Berg), Leonhard Haslberger (FWG Fürholzen), Georg Freundl (FWG Berg) und Petra Mittermaier (FWG Berg), warum sie nicht mehr auf Greißl setzen. Pikantes Detail: Damit unterstützen ihn auch nicht mehr die Gemeinderatsmitglieder der eigenen Wählergemeinschaft, der FWG Kirchdorf. Im Gemeinderat sitzen Vertreter dreier Gruppierungen, die nicht parteipolitisch orientiert sind, sondern sich an den drei wichtigsten Ortsteilen Kirchdorf, Berg und Fürholzen orientieren. Dass neun von ihnen nicht mehr hinter Greißl stehen, ist eine Nachricht, die so überraschend nicht ist, angesichts der deutlich spürbaren Spannungen zwischen Greißl und dem Gemeinderat in den vergangenen Jahren. Sie gipfelten im März 2024 in einem Schritt mit Symbolkraft: Der komplette Gemeinderat verließ mit Ausnahme von Zweiter Bürgermeisterin Maria Wittmann aus Protest eine Sitzung. Schon damals hieß es: „Der Bürgermeister hat uns als Gemeinderat verloren.“
Eineinhalb Jahre später ist das Verhältnis nach wie vor zerrüttet. Wobei die neun Gemeinderäte Wert auf die Feststellung legen, dass sie Greißl persönlich als Mensch sehr wohl schätzen. Es gehe ausschließlich um dessen Amtsführung und Kommunikationsstil. „Der Bürgermeister ist kein Teamplayer“, so das Fazit.
Dass Greißl es schwer gehabt habe in den vergangenen fünf Jahren, sei unumstritten: Frisch im Amt habe die Pandemie die Verwaltungsspitzen vor große Herausforderungen gestellt. Dann sei die Krise in der VG mit Reichertsheim hinzugekommen. Doch Greißl trage für das Verwaltungs-Chaos, das nach wie vor stark nachwirke, die Verantwortung, findet die Ratsmehrheit. Bei der Aufarbeitung habe der Bürgermeister wenig Initiative gezeigt, seine Mitschuld nur auf Druck des Gemeinderates eingestanden.
Greißl habe in seiner Zeit als VG-Vorsitzender „leichtfertig“ die Personalverantwortung an die ehemalige Geschäftsleiterin abgegeben und die Krise, die sich aufgrund der Kündigungswelle deutlich abgezeichnet habe, „laufenlassen“. Das seien „erhebliche Führungsdefizite“.
Der finanzielle Schaden sei noch nicht absehbar, „wahrscheinlich mehrere Hunderttausend Euro“, schätzen die Ratsmitglieder. In der Verwaltungsgemeinschaft mit Reichertsheim fehle dem Bürgermeister jetzt der Rückhalt, keine Basis für eine neue Amtszeit.
Greißl habe seit seiner Wahl im Jahr 2020 außerdem nicht gelernt, effizient zu arbeiten. „Es fehlt die Struktur“, sind Schneider, Eberl, Heindl, Reuß, Oberniedermaier, Köpernik, Haslberger, Freundl und Mittermaier überzeugt. Sitzungen des Gemeinderates würden schlecht vorbereitet, deshalb oft extrem lange dauern, die Mitglieder würden nicht ausreichend eingebunden.
Projekte würden auf diese Weise verschleppt, auch weil sie zwar „mit großem Hurra“ angekündigt, dann aber in der Regel nicht weiterverfolgt würden. Das habe Folgen, etwa beim Vorhaben, drei Bebauungspläne in Kirchdorf-West so zu verändern, dass Nachverdichtungen möglich seien. Mittlerweile sei zwar ein Architekt beauftragt, die Baubewerber hätten jedoch aufgegeben.
Selbst Kleinigkeiten wie eine neue Treppe am Feuerwehrhaus seien nicht gebaut worden. Gescheitert sei außerdem die Erweiterung des Fernwärmenetzes. Projekte wie eine neue Bauhof-Halle seien angekündigt, jedoch nicht weiterbetrieben worden. Leader-Förderungen, etwa für die Sanierung eines Spielplatzes, hätten nicht funktioniert. Halbfertig präsentiere sich nach wie vor der Gemeindehaus-Vorplatz, „richtig peinlich“ findet das die Ratsmehrheit. Dass nicht viel vorangegangen sei, könne Greißl nicht allein auf das Verwaltungs-Chaos schieben. Denn unter den bei einer Klausur zu Anfang der Amtsperiode beschlossenen Maßnahmen seien auch viele kleinere, die trotzdem eine Realisierungschance gehabt hätten. Die Bilanz weise stattdessen nur eine geteerte Straße in Asen und ein paar beschlossene Bauanträge auf. Dabei habe der Gemeinderat immer wieder konstruktive Vorschläge gemacht, seine Hilfe und Unterstützung angeboten.
Das Hauptproblem ist nach Meinung der neun Mitglieder eine „gestörte Kommunikation“. Es habe zwar viele Krisengespräche gegeben, doch wenig Veränderungen im Amtsstil. Der Gemeinderat werde kaum einbezogen, selbst bei repräsentativen Anlässen oft nicht oder nur zögerlich. „Wir haben alles versucht, doch unsere Bemühungen sind verpufft. So geht es nicht weiter. Wir wollen das Beste für die Gemeinde und die Bürger, die schließlich das Lehrgeld für die Probleme zahlen müssen“, so lautet das gemeinsame Fazit. Das Vertrauensverhältnis sei nachhaltig gestört.
Eigener Kandidat wird
ins Rennen geschickt
Mit einem eigenen Kandidaten, der demnächst vorgestellt wird, wollen die Vertreter der drei Wählergemeinschaften deshalb in den kommenden Wahlkampf gehen.