Kleine Ursache – große Wirkung
Viele Menschen meinen, nur feucht macht nach dem Toilettengang richtig sauber. Stefan Wiatr, Betriebsleiter der Kläranlage Mühldorf, und seinen Kollegen bereiten die Feuchttücher jede Menge Arbeit.Fotos dpa/Latta
Alltagsgegenstand gefährdet die Kläranlage – Pumpen gefährdet
Mühldorf – Wem das übliche, trockene Klopapier nicht genug ist, der benutzt hinterher noch gerne Feuchttücher. Laut Herstellern soll deren Einsatz für ein besonderes Gefühl von Sauberkeit und Frische sorgen. Allerdings lösen sich Feuchttücher nach dem Spülgang durch die Toilette nicht einfach in Luft auf. Und entgegen der Angaben auf der Verpackung auch nicht auf ihrem kurzen Wasserweg in die Kläranlage.
Erhöhter
Wartungsaufwand
„Das Thema beschäftigt auch das Personal der Städtischen Kläranlage Mühldorf“, bestätigt Stadtsprecher Werner Kurzlechner auf Nachfrage. „Insbesondere gilt das für die zahlreichen Pumpstationen, bei denen durch die Störstoffe ein erhöhter Unterhalts- und Wartungsaufwand entsteht.“
Stefan Wiatr ist Betriebsleiter der Kläranlage Mühldorf. Feuchttücher und andere nicht wasserlösliche Stoffe, die dort landen, bringen ihm und seinen drei Kollegen regelmäßig Arbeit ein. „Diese Tücher, aber auch Küchenrollen und Papiertaschentücher lösen sich im Wasser nicht so auf, wie viele das glauben“, erklärt er.
Ganz im Gegensatz zu üblichem Toilettenpapier, das im Wasser und auf seinem Weg durch die Kanalisation bis zur Kläranlage in kürzester Zeit zerfällt. „Haben Sie schon mal versucht, etwas mit nassem Klopapier abzuwischen“, fragt er. „Das Papier zerfällt Ihnen unter den Händen.“ Feuchttücher dagegen blieben unverändert fest, ließen sich auswringen und wieder verwenden. Das darf die Reporterin der OVB-Heimatzeitungen beim Ortstermin in der Mühldorfer Kläranlage mit eigenen Augen sehen. Schon beim Eintreffen des Abwassers in der ersten Klärstation – im Jahr 2024 rauschten hier knapp zwei Millionen Kubikmetern durch – schwimmen diese Spezialtücher gut sichtbar mit heran.
An einem Rechen sammeln sie sich zusammen mit anderen Feststoffen und werden von dort automatisch in die Restmülltonne weiter gedrückt. Mit spitzen, behandschuhten Fingern zupft Wiatr einen dieser beinah unzerstörbaren Störenfriede heraus. Benutzt und durchnässt, aber kein bisschen aufgelöst.
Diesen Restmüll zu entsorgen, ist für die Männer von der Kläranlage das geringste Übel. Aber auch dieser Extramüll aus dem Kanal sorgt bei der Stadt schon für Extrakosten, die natürlich auf alle Bürger umgelegt werden müssen.
Ungemütlicher sind da die Einsätze in der Nacht. „Wenn um 3 Uhr früh das Handy geht, weil in der Kanalisation eine Pumpe ausgefallen ist, dann sind meistens solche Tücher schuld daran“, sagt Wiatr. Dann heißt es das gemütliche Bett verlassen, zur Kläranlage fahren, Arbeitskleidung anziehen, zur Pumpstation fahren und die Pumpe wieder zum Laufen bringen.
Handarbeit ist bei
der Reinigung gefragt
„Da müssen wir meistens mit den Händen ran, um die Pumpe zu öffnen und die in sich verzopften und in der Pumpe verwickelten Tücher zu lösen“, beschreibt der Kläranlagenchef das Vorgehen. Dafür haben er und seine Leute immer wasserdichte und säureresistente Handschuhe im Gepäck. Es gibt welche, die reichen bis übers Handgelenk und andere, die bedecken den ganzen Arm bis zur Achsel. Ist ja klar, wer will schon mit dem Abwasser tausender Fremder in Hautkontakt kommen. Nach dem Störeinsatz – „eine Stunde ist dafür gar nichts“, so Wiatr – geht es zurück in die Kläranlage, duschen, wieder umziehen und mit etwas Glück noch mal heim für ein paar Stunden Schlaf.
Gerade als die Reporterin vor Ort ist, müssen zwei von Wiatrs Kollegen zur Pumpstation Hölzling ausrücken. Bei der Überwachung am Monitor ist ihnen aufgefallen, dass eine der beiden Pumpen dort mehr Strom verbraucht, aber weniger Pumpleistung bringt. Wiatr: „Da fahren wir lieber beim ersten Anzeichen einer Störung raus, als erst Stunden später und womöglich nach Feierabend, wenn die Pumpe ganz ausfällt.“
Solche Einsätze kommen im Sommer ein- bis zweimal pro Woche vor. Bei Regen sogar öfter, weil dann mehr Wasser durch das rund 140 Kilometer lange Kanalnetz der Stadt schießt und mit sich reißt, was bis dahin vielleicht an Abzweigungen verhakt war. Im Winter passiert es ein- bis zweimal im Monat. Vor Erfindung dieser Feuchttücher für WC und Babypopos sei das nur sehr selten vorgekommen.
Auch bei privaten Hausanschlüssen – im Stadtgebiet gibt es rund 6000 Grundstücksanschlüsse – müssen die Mitarbeiter immer wieder fest verkeilte Papierknödel aus der Abwasserleitung holen, entdecken dann auch schon mal Inkontinenzwindeln für Erwachsene und anderes, was nicht ins Klo gehört. „Bei Mehrfamilienhäusern will es dann natürlich keiner gewesen sein“, lacht Wiatr etwas bitter. „Aber irgendjemand muss es ja ins Klo geworfen haben.“ Stefan Wiatr würde sich wünschen, dass keiner diese Tücher mehr auf dem Klo benutzt und dann runterspült. „Diese Dinge gehören in den Müll, genauso wie Damenbinden oder Babywindeln“, sagt er. Ihm gefällt der simple aber treffende Spruch, den die Engländer für dieses weltweite Problem haben: „Danach gehören nur drei P‘s ins Klo: Pee, Poop und Paper!“ Ins Deutsche übersetzt, klänge das etwas uncharmanter, wäre aber nicht weniger wahr.
Aus den Augen,
aus dem Sinn
Seit 1996 arbeitet er in der Kläranlage und gibt zu: „Ich hatte vorher auch keine Ahnung davon, was im Wasser zerfällt. Nach der Spülung war auch für mich Feierabend.“ Aus den Augen, aus dem Sinn. Er hofft, dass es sich die OVB-Leser zu Herzen nehmen und künftig weniger Unzersetzbares im Klo versenken.