Waldkraiburg – Es war vor zweieinhalb Jahren der erste schöne Tag des Jahres. Genau richtig für eine kurze Spritztour mit dem Motorrad. Verena Blümlhuber (26) und Tom Haider (36) wollten nur eine kleine Runde drehen, eine Stunde vielleicht. Doch in Bruchteilen einer Sekunde war das Leben der beiden Waldkraiburger nicht mehr wie zuvor. Ein Autofahrer übersieht sie, rast in die beiden.
Verena und Tom sind schwerst verletzt: Quetschungen, Brüche, mehrfaches Organversagen. Verena muss noch am Unfallort wiederbelebt werden. Die beiden kommen ins Krankenhaus. Es folgen Operation auf Operation, Wochen auf der Intensivstation.
Spätfolgen und
Unverständnis
Heute ist Verena und Tom äußerlich nichts mehr anzumerken. Sie kämpfen aber immer noch mit den Erfahrungen und Folgen. Schlafstörungen, Panikattacken, extreme Erschöpfung. Folgen, die nicht zu sehen sind, die es schwer machen, Freundschaften zu pflegen, die auf Unverständnis stoßen. „Es muss doch mal gut sein“, heiße es, erzählt Tom. „Es passt doch alles. Man sieht euch nichts mehr an.“
Diese Erfahrungen machen alle Patienten, die mal auf der Intensivstation waren; egal, was sie hatten; egal, wie lange es her ist. Deshalb gibt es jetzt für Intensivpatienten und die Angehörigen im Selbsthilfezentrum Traunstein der Awo in Kooperation mit den Kliniken Südostbayern eine Selbsthilfegruppe: die „Intensivhelden“.
Hier kommen ehemalige Intensivpatienten, Angehörige sowie Mitarbeiter der Intensivstationen zusammen, tauschen sich aus. Auch Verena und Tom. „Jeder hat die gleichen Gefühle, die man keinem erklären kann“, erzählt Verena von den ersten Treffen.
„Auf Intensiv bist du zwar versorgt, aber danach bist du allein gelassen“, erklärt Tom. Zunächst war Verena froh, als sie nach dreieinhalb Wochen aus der Intensivstation rauskam. „Ich habe das ständige Gepiepse nicht mehr hören können.“ Ständig sei jemand im Zimmer gewesen. In der ersten Nacht auf der Normalstation hatte sie dann nachts eine Panikattacke, „weil ich plötzlich allein war“.
Die Erlebnisse auf einer Intensivstation hinterlassen Spuren bei den Patienten, ihren Angehörigen, aber auch bei jenen, die dort arbeiten. Es sei eine Ausnahmesituation mit einem ständigen Auf und Ab, erzählen Verena und Tom. „Das ist für Angehörige extrem belastend.“
Selbsthilfegruppe ist
ein geschützter Raum
Die Selbsthilfegruppe „Intensivhelden“, soll jetzt einen Raum bieten, „in dem all diese Erfahrungen Platz haben und gewürdigt werden“, sagt der Ärztliche Leiter am Klinikum Traunstein, Privatdozent Dr. med. Tom-Philipp Zucker. Die Initiatorin Gisela Otrzonsek vom psychologischen Dienst beschreibt die Intensivstation als einen Ort der Extreme: „Nirgendwo ist das Leben so verdichtet, so nah, so intensiv wie auf einer Intensivstation. Hier erlebt man in kurzer Zeit eine unglaubliche Vielfalt an Persönlichem und an Persönlichkeiten.“
Die „Intensivhelden“ richten sich in getrennten Gruppen an ehemalige Patienten und an Angehörige. Die Gruppen treffen sich am ersten Dienstag im Monat für Patienten und am zweiten Dienstag im Monat für Angehörige im Awo-Selbsthilfezentrum Traunstein. Aber auch virtuell über eine datensichere Plattform: Die Gruppen sind offen für Betroffene aus ganz Deutschland, da es nur sehr wenige solcher Angebote gibt.
Viel Bürokratie
begleitet sie
„Ich kann mir hier alles ohne Angst von der Seele reden“, erzählt Verena. Tom ergänzt: „Das ist ein Miteinander, wo man wieder neuen Mut schöpft. Uns tut das richtig gut.“ Die Erlebnisse müsse man einfach aufarbeiten, betont Tom. „Viele fühlen sich alleingelassen, weil es die Angehörigen nicht nachvollziehen können. Diejenigen, die Gleiches durchgemacht haben, haben mehr Verständnis.“
Denn es gibt noch weitere Spätfolgen: die Bürokratie mit Anträgen, Ablehnungen, Einsprüchen, dem Kampf um das Geld, den Pflegegrad, den Grad der Behinderung. „Das hat jeder“, sagt Verena. „Bei uns hat jeder zwei Ordner voll nur mit Bürokratie“, berichtet Tom. „Es wird einem extrem schwer gemacht.“
„Das Leben ist nicht mehr so wie vorher“, sagt Tom. „Das ist jetzt so.“ Trotzdem seien er und Verena zufrieden: „Wir haben unendlich viel Glück gehabt und wollen jetzt das Beste daraus machen.“