1500 tote Rehe pro Jahr im Landkreis
Die Grafik zeigt, wie sich der Bremsweg je nach gefahrener Geschwindigkeit verändert.
Bauern- und Jagdverband warnen: Vorsicht bei der Maisernte auf den Straßen
Mühldorf – Momentan läuft im Landkreis Mühldorf noch die Maisernte. Riesige Maishäcksler oder Mähdrescher sind auf den Feldern unterwegs, um Silo- oder Körnermais zu ernten. Zurück bleiben leere Ernteflächen, aus denen nur noch zehn Zentimeter hohe Stoppel ragen.
Halbzeit bei
der Maisernte
„Bei der Maisernte in unserem Kreis ist jetzt ungefähr Halbzeit“, erklärt Ulrich Niederschweiberer, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes BBV. „Bisher hatten Rehe in allen Feldern mit hohen Maispflanzen gute Deckung, mit der Ernte verliert sich das.“ Wenn die Maisfläche schwindet, suchen Rehe neuen Schutz und wechseln stärker und unkoordinierter zwischen den Anbauflächen. „Queren die Rehe dabei Straßen, kann das für Verkehrsteilnehmer gefährlich werden“, weiß der Obmann. Wer schon mal einen Wildunfall hatte, weiß, wie schnell das passieren kann. Deshalb wollen Landwirte und Jäger gerade in der Zeit der Maisernte darauf aufmerksam machen und warnen, denn gegen das Wandern der Rehe können sie nichts unternehmen.
BBV-Obmann fährt
nachts langsam
„Wenn ich im Auto auf Strecken mit starkem Wildwechsel unterwegs bin, fahre ich besonders nachts nur mit 60 bis 70 Kilometern pro Stunde“, beschreibt Niederschweiberer seine persönliche Vorsichtsmaßnahme. „Ich hatte zum Glück noch nie einen Rehunfall“, kann er von sich sagen.
Der Kreisvorsitzende des Bayerischen Jagdverbandes, Sascha Schnürer, weiß aus seiner Erfahrung als Jäger, dass jedes Jahr im Landkreis circa 1500 Rehe einem Verkehrsunfall zum Opfer fallen. Zum Vergleich: Pro Jahr werden im Landkreis Mühldorf rund 5500 Rehe geschossen. „In vielen Fällen ist das Tier sofort tot, aber einige treten auch schwer verletzt die Flucht an“, so Schnürer. Sie müssen vom Jäger gesucht und erlöst werden. Um diese Nachsuche zu erleichtern, haben Jagd- und Bauernverband wieder Wildunfallbänder an öffentlich zugänglichen Orten, wie Tankstellen, Kfz-Zulassungsstelle oder Gemeindeämtern, ausgelegt. „Diese Bänder kann man an der Unfallstelle am nächsten Straßenpfosten oder Baum befestigen“, erklärt der Jäger. „Hat man kein solches Band, dann hilft auch ein entsprechend befestigtes Taschentuch dem Jäger weiter. Von dieser Stelle aus kann er dann seine Suche starten und dem angefahrenen Tier langes Leid ersparen.“
Wildunfall
unverzüglich melden
Bei der Polizei Mühldorf wurden alleine für die Nacht von 7. auf 8. Oktober fünf Wildunfälle gemeldet. „Zwischen drei und fünf solcher Unfälle pro Nacht kommen oft vor“, sagt Polizeisprecher Maximilian Maier. „Zurzeit sind es tatsächlich besonders viele.“ Ein Blick in die Polizeistatistik zeigt: Im Jahr 2023 gab es im Dienstbereich der PI Mühldorf 879 Wildunfälle, 2024 waren es 866. Das richtige Verhalten nach einem Unfall mit Reh, Hase oder Fuchs erklärt Maier so: „Der Unfall muss unverzüglich der Polizei gemeldet werden. Für die Dokumentation des Unfalls reicht ein Anruf. Wer das erst mit Verspätung tut, riskiert eine Anzeige nach dem Jagdgesetz.“ Die Polizei verständigt den jeweiligen Jäger, dessen Eintreffen am Unfallort muss man nicht abwarten. „Um eine Wildunfallbescheinigung für die Versicherung zu bekommen, muss man bei der Polizei vorfahren. Meist sind noch Haare des Tieres am Auto feststellbar.“ Damit hat man seine Pflicht getan.
Auf keinen Fall darf man das Reh einpacken und zur Polizei bringen. „Das kommt selten vor, hat aber eine Anzeige wegen Jagdwilderei zur Folge“, so Maier. „Das tote Tier immer am Unfallort belassen, wenn nötig und möglich, von der Straße ziehen.“
Lenkrad nicht
verreißen
Der Polizeisprecher hat auch Tipps, wie man sich bei einer Rehsichtung verhalten sollte. „Fernlicht abblenden, bremsen, aber ohne Vollbremsung, hupen und nachfolgenden oder Gegenverkehr mit Warnblinker warnen“, rät Maier. Wichtig sei es, das Lenkrad nicht vor Schreck zu verreißen, sonst könne man schnell mit dem Auto im Graben oder an einem Baum landen.
In der Dämmerung und bei Nacht sollten Autofahrer besonders vorausschauend fahren und mit angepasster Geschwindigkeit unterwegs sein, rät auch der Automobilclub ADAC: „Schon Tempo 80 statt 100 verkürzt den Bremsweg um circa 24 Meter. Taucht Wild am Straßenrand auf, sollten Autofahrer noch langsamer fahren, bestenfalls Schrittgeschwindigkeit.“ Vermehrt passieren Wildunfälle im Morgengrauen und in der Abenddämmerung. Gleich nach der Zeitumstellung Ende Oktober fällt die Dämmerung in die Zeit des Berufsverkehrs, dann kann es besonders gefährlich werden.
Die Maisernte im Landkreis führt zu verstärktem Wildwechsel. BBV-Kreisobmann Ulrich Niederschweiberer (links) und der Kreisvorsitzende des Bayerischen Jagdverbandes, Sascha Schnürer, warnen vor Wildunfällen.Fotos dpa/BBV