von Redaktion

Ein kurioser Abend in Kirchdorf. Am vergangenen Donnerstag haben sich 180 Gemeindebürger zwischen Christoph Greißl und Franz Wieser als Bürgermeisterkandidaten entschieden. Wer die Wahl gewonnen hat, zu welchen Pannen es kam und was das Ergebnis über Kirchdorf aussagt.

Kirchdorf – Kirchdorfs Altbürgermeister Alfons Linner verkündet das Ergebnis. Der Applaus fällt verhalten aus. Hier und da hört man ein „Oh“ oder ein kleines Auflachen. Die Szenen bei der Aufstellungsversammlung der Freien Wählergemeinschaft Kirchdorf am Donnerstagabend im Gasthaus Grainer sind ein Spiegelbild der Stimmung im Ort. Rund 200 von 1300 Einwohnern der Gemeinde hatten sich im Saal versammelt. Darunter nicht nur Personen aus dem Ortsteil Kirchdorf, sondern auch einige aus den Teilen Fürholzen und Berg. Schon zehn Minuten vor Beginn der Veranstaltung waren alle Plätze besetzt. Das Gasthauspersonal musste noch weitere Stühle bringen. Das Interesse, bei der Nominierung des Bürgermeisterkandidaten der FWG Kirchdorf mitzuwirken, war so groß wie nie zuvor. Noch vor sechs Jahren kamen nur rund 100 Personen zur Aufstellungsversammlung. Dieses Mal wählten 180 Bürger. Der ein oder andere vergab so sogar seine Stimme lieber bei der Kirchdorfer Versammlung als bei denen in Berg oder Fürholzen, die erst noch stattfinden werden. Zu Beginn der Veranstaltung wusste noch niemand, dass es an diesem Abend auf jede einzelne Stimme ankommen wird.

Angetreten bei der Wahl zum Bürgermeisterkandidaten der FWG Kirchdorf sind der amtierende Bürgermeister Christoph Greißl (40) und Newcomer Franz Wieser (36). Beide hatten exakt vier Minuten Zeit, sich vorzustellen. Greißl begann. Ihm liegen die Gemeinde und die Gesellschaft am Herzen. Denn das sei das, worum es wirklich gehe. „Mein Lehrgeld für die Turbulenzen der vergangenen Jahre habe ich gezahlt“, sagte er.

Ziel: Zusammenhalt
stärken

Sein Ziel sei es, den Zusammenhalt zu stärken. Nach knapp drei Minuten beendete Greißl seine Rede. Wieser schöpfte die vier Minuten auf den Punkt genau aus. Durch seine berufliche Laufbahn mit Stationen als Agrarreferent bei der KLJB Bayern seien ihm die Themen des ländlichen Raumes bekannt, und er könne auf ein Netzwerk aus verschiedenen Experten aus dem gesamten Freistaat zurückgreifen, sagte er. Wichtig sei ihm auch das Ehrenamt, betonte Wieser. Er kandidiere, weil er die Fähigkeiten für das Bürgermeisteramt besitze, und er möchte, dass die Kirchdorfer eine Wahl zwischen mehreren Personen hätten. Projekte, die er angehen wolle, seien die Gestaltung des Gemeindeplatzes, mehr Radwege und das Schmid-Anwesen. Das Wichtigste für ihn sei jedoch, gut zu kommunizieren und zu moderieren. Als es zur Wahl des Bürgermeisterkandidaten kam, zeigte sich, dass auch die FWG Kirchdorf nicht mit derart vielen Bürgern gerechnet hatte. Vier Zettel musste Josef Oberniedermaier (FWG Kirchdorf) noch nachdrucken. Sechs Wahlhelfer sammelten die 180 Stimmen ein und zählten sie gemeinsam mit Wahlleiter Alfons Linner aus. Die Auszählung zog sich. Rund 15 Minuten warteten die Anwesenden gespannt auf das Ergebnis.

„Wir haben mehrfach nachgezählt“, erklärte Linner. Dann verkündete er: „180 Stimmen wurden abgegeben. Davon waren 179 gültig. Eine Stimme war eine Enthaltung. Christoph Greißl hat 89 Stimmen erhalten und Franz Wieser 90.“ Christoph Greißl huschte ein unwillkürliches Lächeln übers Gesicht. Franz Wieser nahm die Wahl an. Verhaltener Applaus folgte. Dann stieß Maria Wittmann, derzeit Zweite Bürgermeisterin in Kirchdorf, eine Diskussion an. Die Stimmenthaltung sei doch auch eine gültige Stimme, warf sie ein. Und für den Sieg der Wahl brauche ein Kandidat mehr als die Hälfte der gültigen Stimmen. Somit hätte Franz Wieser eine Stimme zu wenig. Zuspruch erhielt sie von mehreren Personen aus dem Publikum. Alfons Linner und Josef Oberniedermaier prüften den Einwurf. Nach kurzer Zeit holten sie Maria Wittmann und Christoph Greißl zu sich. „Ein Stimmzettel ist ungültig, wenn er den Willen der wählenden Person nicht zweifelsfrei erkennen lässt oder einen Zusatz oder Vorbehalt enthält“, las Oberniedermaier von der Homepage „Die Bundeswahlleiterin“ vor. Somit sei ein leerer Wahlzettel eine ungültige Stimme. Kurzerhand wurde auch Kirchdorfs Wahlleiter, Johannes Kern, angerufen. Auch er sei der Meinung gewesen, ein leerer Stimmzettel sei ungültig, verkündete Linner. „Damit ist Franz Wieser als Bürgermeister aufgestellt“, sagt er. Dieses Mal gab es lauteren Applaus.

Ergebnis zeigt den
Willen der Bürger

Das war eine „knappe Kiste“, sagte Wieser auf Nachfrage. Das Ergebnis müsse jetzt akzeptiert werden. „Für mich heißt das, dass ich mich noch mehr reinhängen muss“, sagte er. Für Greißl zeigt die Wahl, wie gespalten das Dorf sei. Ihn erinnere die Situation an ein Theaterstück namens „Rädelsführer und Rebellen“, sagte er auf Nachfrage. Ob ihm das Lachen vorher ausgekommen ist? „Entweder das oder mir ist ein Stein vom Herzen gefallen“, erklärte er. Immerhin werde die Arbeit als Bürgermeister nicht einfacher, und den Job müsse man können. Das Ergebnis sei in Ordnung und zeige den Willen der Bürger, sagte Greißl. Wie es für ihn nun weitergeht, stehe noch nicht fest. Anfang der Woche erklärte Greißl gegenüber unserer Redaktion, er wolle zwar die Aufstellungsversammlung der FWG Kirchdorf abwarten, es aber im Falle einer Niederlage über die FWG Berg oder Fürholzen zu versuchen oder ansonsten eine eigene Liste gründen. Kurz nach der Wahl meinte er jedoch, er lasse das Ergebnis nun erst einmal sacken und werde dann entscheiden, wie es für ihn weitergehe. Für ein Mandat als Gemeinderat für die FWG Kirchdorf ließ er sich trotz Vorschlag aus dem Publikum nicht aufstellen. „Der Rest wird sich zeigen“, sagte er. Die Thematik mit der leeren Stimme will er noch einmal prüfen lassen, erklärte Greißl.

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