Neumarkt-St. Veit – Das idyllische Teising bei Neumarkt-St. Veit wirkt auf den ersten Blick wie ein typisch bayerisches Dorf. Doch auf den zweiten Blick offenbart sich eine erstaunlich reiche Geschichte, die weit über die Region hinausreicht. Zwischen Schloss, Wirtshaus und Feldern steht die kleine Wallfahrtskapelle Maria Einsiedeln, die am 20. September 2026 ihr 400-jähriges Bestehen feiern wird.
Seit der Errichtung im 17. Jahrhundert hat sich rund um den Hügel hinter dem Schloss viel verändert. Jeder Schlossherr trug etwas zum Erhalt und zur Erweiterung der Anlage bei. Neben der ursprünglichen Gnadenkapelle entstanden später weitere Andachtsorte: die Kapelle „Christus auf der Rast“, die Johann-Nepomuk-Kapelle gegenüber dem Schlossgarten und zur Hundertjahrfeier die Kreuzigungsgruppe auf dem Kalvarienberg Teising.
Wichtige
kulturelle Aufgabe
So konnte man die zahlreichen Wallfahrer früherer Zeiten besser aufnehmen.
Solche Geschichten lebendig zu halten, ist eine wichtige kulturelle Aufgabe. Schon bei den Kelten sorgten Barden als Chronisten dafür, dass Erinnerungen nicht verloren gingen – heute übernehmen Heimatforscher diese Rolle. Zwei von ihnen, der Teisinger Wirt Ludwig Maier und Heinrich Mayer aus Neuried, haben die Geschichte der Wallfahrtskapelle in einer liebevoll gestalteten, reich bebilderten Broschüre dokumentiert.
Kennengelernt haben sich die beiden über Pfarrer Josef Wagner aus Neuried, der seinen Ruhestand im Seniorenheim Neumarkt-Sankt Veit verbrachte. Mayer besuchte ihn oft, und gemeinsam ging man zum Mittagessen ins Wirtshaus nach Teising. Dort entdeckten Maier und Mayer ihr gemeinsames Interesse an der Geschichte des Ortes. „So hat sich, ohne dass es geplant war, eine intensive Zusammenarbeit entwickelt“, erzählt Mayer.
Zunächst widmeten sie sich der Historie des Gasthauses, das fast so alt ist wie die Kapelle selbst. Als 1625 der damalige Schlossherr Nikasius Ottheinrich Magensreiter die Wallfahrtskapelle auf dem Hügel errichten ließ, wurde sie 1626 feierlich geweiht. Bald zog die kleine Gnadenkapelle zahlreiche Pilger an, die zur Gottesmutter Maria, der Schutzpatronin Bayerns, beteten. Die vielen Votivtafeln im Inneren erzählen von erhörten Bitten und Dank der Gläubigen.
Da die Besucher auch Unterkunft und Verpflegung benötigten, entstand kurz darauf das Gasthaus in Teising. Wirt Ludwig Maier besitzt heute zahlreiche Dokumente und alte Aufzeichnungen aus dieser Zeit – viele davon in alter Kurrentschrift. „Das meiste konnte ich gar nicht lesen“, sagt Maier. „Aber Herr Mayer hat mir über zwei Jahre geholfen, alles zu sortieren und zu entziffern.“
Mit dem Erfolg dieses Projekts reifte die Idee, auch die Geschichte der Gnadenkapelle selbst umfassend aufzuarbeiten – als Beitrag zum bevorstehenden Jubiläum. Schon jetzt stehen Ehrengäste wie der Generalvikar aus München auf der Einladungsliste. Zum Glück war vieles dank früherer Generationen gut dokumentiert, doch manches Rätsel ließ sich erst mit Mayers Erfahrung in alter Schrift lösen.
„Damals sprach es sich schnell herum, dass Nikasius Ottheinrich da oben eine große Kapelle baut – das mussten sich alle anschauen“, erzählt Mayer lachend.
Historisches Puzzle
zusammengesetzt
Wirt Maier zieht ein dickes, altes Buch mit brüchigen Seiten aus seinem Archiv und zeigt einen Eintrag, in dem die Teisinger Kapelle als wichtiger Wallfahrtsort erwähnt wird.
Wie Detektive setzten die beiden Forscher in mühevoller Arbeit das historische Puzzle zusammen. Sie durchforsteten Kirchenbücher, Chroniken und Briefe – und stießen dabei auf Hinweise, die sie sogar über die Landesgrenzen hinausführten. Denn laut alten Aufzeichnungen ist die Wallfahrtskapelle Maria Einsiedeln in Teising eine Nachbildung der berühmten Schweizer Gnadenkapelle im Kloster Einsiedeln.
Die Geschichte dahinter ist fast filmreif: Der Teisinger Schlossherr Nikasius Ottheinrich Magensreiter und seine Frau Johanna reisten 1623 in die Schweiz, um die dortige Kapelle zu besuchen, aus der Johanna stammte. Auf der Reise erkrankte sie schwer. In seiner Not versprach der Schlossherr, im Falle ihrer Genesung eine maßstabsgetreue Kopie der Schweizer Kapelle in Teising errichten zu lassen. Johanna wurde gesund – und Ottheinrich hielt Wort.
Belegt ist diese Geschichte durch einen Brief des Schlossherrn an den damaligen Abt von Einsiedeln. Durch einen glücklichen Zufall stießen Maier und Mayer im Internet auf einen Hinweis zu diesem Schreiben. „Wir haben entdeckt, dass es im Archiv von Maria Einsiedeln tatsächlich so einen Brief gibt“, erzählt Mayer. Über den Pater Meinrad im heutigen Stift Einsiedeln erhielten sie eine digitale Kopie – ein Moment großer Freude für die beiden Forscher.
Später reisten Maier und Mayer selbst in die Schweiz, besuchten Pater Meinrad und konnten dort das Vorbild der Teisinger Kapelle im Original bewundern. Als Dank überreichten sie ihm ihr fertiggestelltes Werk – eine Broschüre, die die 400-jährige Geschichte dokumentiert und auch eine Kopie des historischen Briefes enthält.
Wer heute die Stufen zur kleinen Kapelle in Teising hinaufsteigt, versteht, warum der Schlossherr diesen Ort wählte. Umgeben von sattem Grün, mit Blick auf das Schloss und die weiten Felder, spürt man den besonderen Frieden dieses Platzes. Zwischen Himmel und Erde scheint die Zeit stillzustehen – und die 400-jährige Geschichte der Wallfahrtskapelle Maria Einsiedeln wird lebendig.