Neumarkt-St. Veit – Adolf und Franziska Baumgartl wurden vor 87 Jahren in weit entfernten Orten geboren. Adolf Baumgartl erblickte das Licht der Welt im Kreis Karlsbad im Egerland, Franziska Stummböck erlebte dies in Sachsenkam im Kreis Bad Tölz. Als der Weltkrieg zu Ende ging, Adolf ging schon zur Schule, wurden er, seine gesamte Familie und Verwandtschaft in Güterwaggons gepfercht und aus der Heimat vertrieben. Die rund sieben Millionen deutschen Flüchtlinge wurden damals in Restdeutschland verteilt, und Adis Familie landete schließlich bei Landwirten im Landkreis Tölz.
Adolfs Vater hielt die Familie mit Schuhreparaturen über Wasser, und der kleine Adolf musste nach der Schule fleißig mithelfen. Dank einer nahegelegenen US-Kaserne und ihres unermüdlichen Fleißes kam die Familie zu etwas Wohlstand. Im Laufe der Jahre errichtete Vater Baumgartl sich eine anerkannte Schuhfabrik in einer Scheune.
Obwohl Franziska und Adolf nicht im selben Dorf wohnten, bewunderte Franziska damals schon den Adolf, der auch sonntags und feiertags kaum frei bekam, wie sie heute zugibt. Bei einem Kirchweihtanz im Jahre 1958 kamen die beiden doch zusammen, trafen sich öfter, verliebten sich – und am 15. Oktober 1960 wurde geheiratet.
Da Verwandte der Baumgartls in Egglkofen untergekommen waren, fanden oft dort Besuche statt. Franziska gefiel es in dieser Gegend nicht so gut wie im vertrauten Tölzer Land, aber der kontaktfreudige Adolf fand hier bald Freunde und wurde sogar Mitglied im Schützenverein 11+1. Und als es hieß: Das Schulhaus steht zum Verkauf, sahen die Familien Baumgartl die Zeit reif, ihre Schuhfabrik aus der Scheune in Tölz in ein großes Steinhaus in Neumarkt-St. Veit zu verlegen. Nicht sehr gern, aber ihrem Adolf und der Fabrik zuliebe, zog Franziska mit, wie sie eingesteht. Beide erinnern sich an den Umzug der Fabrik, der mit Fahrzeugen des Freundes Josef Heiß und Schützenfreunden nach und nach vollzogen wurde. Die Schuhfabrik Baumgartl belieferte mit ihren Produkten jahrzehntelang die namhaftesten Firmen der Branche. „Anfangs mussten wir die Pakete zum Abschicken freitags noch nach Mühldorf bringen“, erinnert sich Adolf.
Drei Kinder sind dem glücklichen Bund beschieden, und die Familie hatte sich schnell in die Neumarkter Gesellschaft integriert. Ihre Schuhe, die sie ab 1982 sogar im eigenen Ladengeschäft verkauften, waren von hoher Qualität. Viele schätzten auch die perfekten Reparaturen des Hauses. Die Fanny, wie sie die Freunde nennen, steht heute noch im Laden und verkauft Schuhe. Aber sie hat noch eine schwerere Aufgabe: Vor über fünf Jahren erlitt Adolf im Krankenhaus einen Schlaganfall und ist seitdem halbseitig gelähmt. Ihn daheim zu pflegen, lässt sich Franziska nicht nehmen. Der bescheidene Adolf ist dankbar – und beiden sieht man an, dass da große Liebe brennt. Seit über 65 Jahren!nz