Oberflossing/Polling/Bogota – Sie sprüht förmlich vor Enthusiasmus, ihre Leidenschaft für ökologischen und regenerativen Landbau ist greifbar und spürbar, als sie in der Küche des Anwesens der Solawi (Solidarische Landwirtschaft) Lenzwald am Tisch sitzt und ihre Geschichte erzählt.
Die junge Frau ist Jakelin Cortes Rondon und stammt aus Bogota in Kolumbien. Dort wurde sie am 7. Mai 1999 geboren und wuchs in einem Armenviertel auf. Ihre Großeltern wohnten auf dem Land und hatten eine kleine Landwirtschaft, wo Jakelin in den Ferien viel Zeit verbrachte und ihre Liebe zur Natur, zur schonenden Bewirtschaftung des Bodens und zu Tieren entwickelte.
Regenerative
Bodenbearbeitung
Umso schlimmer war es für sie, als die Regierung Kolumbiens eine Resolution auf den Weg brachte und den Anbau von gentechnisch verändertem Saatgut anordnete: „In einer Nacht- und Nebelaktion wurden Tonnen gesunder Lebensmittel einfach in den Fluss geworfen, es hat mich so wütend gemacht“, sagt sie mit belegter Stimme, als sie sich an diese schlimme Zeit erinnert.
Damals besuchte sie die 10. Klasse ihrer Schule und in ihr reifte der Entschluss, gesunde Nahrungsmittel zu erzeugen und dabei auf eine regenerative Bearbeitung des Bodens zu achten. Sie träumte von einem eigenen Hof, einer eigenen Gärtnerei, und nahm sich vor, zu lernen, wie man es besser machen kann.
In ihrem Land herrschte Krieg, ihre Großeltern wurden von sechs Männern mit Pistolen von ihrem Hof vertrieben und mussten flüchten. Eine schlimme Zeit, in der ihr Vater beschloss, seiner Tochter die Möglichkeit zu eröffnen, ihre Wünsche und Träume umzusetzen. Über einen Bekannten erfuhr er von einem Mädchen, das nach Deutschland auswanderte und dort Arbeit fand. So sollte es auch für Jakelin eine Chance geben.
2018 klappte es schließlich im zweiten Anlauf und die damals 19-Jährige kam als Au-pair-Mädchen zu einer Familie nach Biberach: „Es war ein Glücksfall, ich wurde sehr herzlich aufgenommen und meine Gastfamilie zu meiner zweiten Familie, die ich heute noch so oft wie möglich besuche“, erzählt sie sichtlich bewegt.
Das von ihr angestrebte Studium in Kassel mit Studienrichtung „Ökologische Landwirtschaft“ ließ sich, trotz sehr guter Noten, aus finanziellen Gründen nicht realisieren und so entschloss sie sich zu einem Freiwilligen Sozialen Jahr in einem Kinderheim mit angeschlossener Landwirtschaft in Ravensburg.
Hier spürte sie, dass sie zu den Nutztieren wie Schafen und Rindern eine zu emotionale Bindung aufbaute, um sie später ihrem Bestimmungszweck als Fleischlieferanten zuzuführen: „Das konnte ich emotional nicht verarbeiten und so beschloss ich, mich dem Gartenbau zu widmen.“
Ihre Ausbildung zur Gärtnerin absolvierte sie schließlich in einem Pestalozzi-Kinderdorf am Bodensee und legte dort im Jahr 2022 mit Erfolg ihre Gesellenprüfung ab. Damit war der Grundstein gelegt. Ihre berufliche Zukunft sah sie in der solidarischen und regenerativen Landwirtschaft, die schon immer ihr großer Traum war, wie sie wiederholt betont.
Dass sie diesen großen Wunsch schon bald verwirklichen konnte, ging mit einer ganz anderen Geschichte einher. Es war im September 2022, als sie am Bodensee einen jungen Mann aus Oberflossing (Gemeinde Polling) kennenlernte. Aus diesem „sich kennenlernen“ wurde schon bald mehr und die beiden sind seither ein Paar.
2024 zog Jakelin zu ihm nach Oberflossing und entdeckte hier die „Solidarische Landwirtschaft Lenzwald“, kurz Solawi genannt, nur wenige Minuten von ihrem Wohnort entfernt. Hier erhielt sie eine Anstellung als Gärtnerin und kann sich – gemäß ihrer Leidenschaft für ökologischen und regenerativen Landbau – so richtig entfalten.
Und sie hat eine weitere Vision, was ihr Heimatland Kolumbien betrifft. Sie will ihr Wissen weitergeben, will in der Region, in der sie aufwuchs, den Landwirten den ökologischen und regenerativen Ansatz vermitteln: „Die Menschen dort haben wenig Ahnung davon, aber sie haben Lust, es zu lernen – und dazu will ich beitragen.“
So hat sie im vergangenen Winter schon einmal ihr Heimatland besucht und ihre Idee auch dem Bürgermeister ihres Heimatortes vermittelt, der sich dafür offen zeigte.
Meisterprüfung im
kommenden Frühjahr
Zuerst absolviert sie jetzt allerdings ihre Meisterausbildung, die sie im Frühjahr 2026 abschließen wird, und beabsichtigt dann im Winter 2026/2027 in der Region, in der sie aufwuchs, Landwirtschaft zu unterrichten. Schließlich soll Jakelins Vision von einem verantwortlichen Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen auch dort Fuß fassen, wo sie in ihr gewachsen ist.
Nähere Informationen zum Verein solidarischen Landwirtschaft Lenzwald und dem ökologischen regenerativen Landbau gibt es auf der Homepage unter www.solawi-lenzwald.org.