Mühldorf – Genauso zuverlässig wie im Herbst die Blätter von den Bäumen fallen, erscheint zur selben Jahreszeit der neue, vom Heimatbund Mühldorf herausgegebene Band des „Mühlrads“. Dieses Mal war es Band 67, den Vorsitzender Meinrad Schroll und seine Mitstreiter in der Vorstandschaft der breiten Öffentlichkeit präsentieren konnten. Zu dieser Veranstaltung waren auch die Zweite Bürgermeisterin Ilse Preisinger-Sontag, Stadtarchivar Edwin Hamberger und Kreisheimatpfleger Dr. Reinhard Baumgartner erschienen. Musikalisch schön begleitet wurde die Vorstellung von den „Boarischen Zwoa“, dahinter verbergen sich bekanntermaßen ja der „Musi Mane“ und Norbert Neumann.
Gedenken an
Martin Stadler
In seine Begrüßung wies Meinrad Schroll zunächst auf die nächsten Termine hin. So findet am Donnerstag, 20. November, ein Vortrag mit dem Titel „Die Geschichte der Häuser in der Tuchmacherstraße und am Kirchenplatz“ statt. Drei Tage später wird es am Sonntag, 23. November, um 18 Uhr das alljährliche Gedenkamt für die verstorbenen Mitglieder geben. Auch der Stand am Mühldorfer Christkindlmarkt wird wieder präsent sein und die Adventsfeier im Haus der Begegnung ist geplant. Die Termine werden noch rechtzeitig in der Heimatzeitung bekannt gegeben. Ein besonderes Gedenken widmete der Vorsitzende dem sehr verdienten Mitglied des Heimatbundes, Martin Stadler, der am 23. Januar nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben ist: „Martin Stadler war seit 1978 Mitglied im Heimatbund, dabei viele Jahre als Schriftleiter und im Beirat. Er zeichnete sich als Autor von kunstgeschichtlichen Beiträgen aus.
Zu seinen größten Erfolgen zählt die Neugestaltung des spätgotischen Seitenaltars in der Altmühldorfer Kirche St. Laurentius. Ebenso lagen ihm die Katharinenkirche und deren Renovierung sehr am Herzen. In seinem Artikel ‚Quo vadis, St. Katharina?‘ stellte er die Baugeschichte des jetzt in neuem Glanz erstrahlenden Juwels vor“.
Durch den weiteren Abend führte Daniel Baumgartner, der Koordinator der Geschichtsarbeit im Landkreis Mühldorf: „Ich stelle Ihnen die neun Beiträge von sieben Autoren vor, sie sind chronologisch geordnet und führen von der Frühgeschichte in die Neuzeit.“
Im Jahr 788
erstmals erwähnt
Der erste Beitrag stammt von Ferdinand Steffan aus Eiselfing, Wasserburger Kreisheimatpfleger und Museumsleiter außer Dienst. Er trägt den Titel „Archäologische Funde aus Mettenheims Frühzeit“. Der Ort Mettenheim wurde zum ersten Mal im Güterverzeichnis des Bischofs Arn von Salzburg im Jahre 788 erwähnt, aber wahrscheinlich geht Mettenheims Geschichte viel weiter zurück. Funde wie Henkeltassen, Trinkbecher oder Pfeilspitzen wurden von Mettenheimer Bürgern oder von Ferdinand Steffan persönlich gesammelt und kürzlich an das Kreisheimatmuseum Mühldorf übergeben.
Daniel Baumgartner selbst hat sich mit dem wohl ältesten Ortsteil seines Heimatorts Neumarkt-St. Veit beschäftigt: „1100 Jahre Wolfsberg (circa 925 bis 2025)?“ Dabei bezieht sich der Autor auf den „Codex Odalberti“, einer Sammlung von Rechtsgeschäften aus dem zehnten Jahrhundert. Er geht auch den Fragen nach, ob sich in Wolfsberg, heute aus vier Bauernhöfen bestehend, eine Kirche und eine Burg befanden.
Der Vorsitzende des Mühldorfer Heimatbunds hat bisher 21 Beiträge im „Mühlrad“ veröffentlicht, „Die historische Mühldorfer Innbrücke“ ist Nummer 22. Diese wurde im Jahre 1218 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Meinrad Schroll beschäftigt sich mit den „Bruckmeistern“, die die Brücke betreuten und Schäden reparierten. Überschwemmungen und Eisstöße werden ebenso geschildert wie die Menschen, die diese Brücke überquerten: Erzbischöfe, Wallfahrer, Händler, Reisende, Herzöge und sogar Papst Pius VI. und der französische Kaiser Napoleon sind hier unter anderem zu nennen.
Der Historiker Dr. Bernhard Lübbers, Leiter der Staatlichen Bibliothek Regensburg, verfasste den nächsten Artikel: „Der Schwarze Tod in Mühldorf“. Darin schildert er, wie die Pest im 14. Jahrhundert nach Bayern und Mühldorf kam, deren Verlauf und wie die Bevölkerung mit der Pest umging. Lübbers beschreibt das Auftreten von Geißlern und die Judenverfolgungen, die es deswegen gab, weil man den Juden die Schuld an der Pest in die Schuhe schob. Dies ist besonders interessant, weil damals auch eine jüdische Gemeinde in Mühldorf existierte.
Meinrad Schroll hat auch noch einen weiteren Beitrag verfasst, sein 23. Werk beschäftigt sich mit „Dekan Wolfgang Summerer“. Dieser wurde am 6. März 1709 in Geiging, Pfarrei Rohrdorf, geboren, Schroll beschreibt ihn als „starken und tatkräftigen Mann“. Der Bauernbub studierte in Salzburg und wurde 1732 zum Priester geweiht, ehe er 1739 nach Mühldorf kam, wo er 38 Jahre wirkte. Unter ihm wurde die Pfarrkirche St. Nikolaus neu gebaut und am 15. August 1775 vom Salzburger Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo feierlich eingeweiht. Heute noch bekannt ist der nach ihm benannte Summerer-Kelch. Wolfgang Summerer verstarb am 28. Juni 1777, er wurde in St. Nikolaus nahe der Kanzel bestattet.
Unbekannter
Historienzyklus
Auch Ferdinand Steffan ist zweimal im neuen Mühlrad vertreten, er schrieb auch über den „Heiligen Ubaldus von Gubbio und den seligen Erzbischof Thiemo von Salzburg“. Bei beiden Kirchenfürsten handelt es sich um einen unbekannten Historienzyklus aus dem ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift in Au am Inn.
Der ehemalige Mühldorfer Stadtrat Max Oelmaier beschäftigte sich mit dem Thema „Die Walzmühle“, deren markanter Turm jedem auffällt, der am Mühldorfer Bahnhof ankommt. Sie wurde 1914 gebaut und ist mit 36 Metern eines der höchsten Mühldorfer Gebäude. Die Walzmühle hat die beiden Bombenangriffe zum Ende des Zweiten Weltkriegs unbeschadet überstanden. 1987 musste der Betrieb eingestellt werden. Um zu verhindern, dass sich nun Spekulanten um die Walzmühle bemühen, kaufte die Stadt Mühldorf 1987 unter dem damaligen Bürgermeister Josef Federer das Grundstück. Die Mühle wurde an die Firma „Primavera Naturkorn“ aus Dorfen verkauft. Heute werden in der Walzmühle vor allem moderne Getreidearten verarbeitet.
Die Journalistin Ulrike Zöller aus Jettenbach arbeitete früher für den Bayerischen Rundfunk. Sie schildert im Beitrag „Erinnern 45“ das Kriegsende im südlichen Landkreis Mühldorf. In Jettenbach haben sie und weitere Mitglieder des Arbeitskreises „Erinnern 45“ Zeitzeugen befragt. Es ging unter anderem um das KZ-Außenlager Mittergars, um Fliegerangriffe und um die Ankunft der Alliierten.
Ein Ort von
„dolce vita“
Last but not least stellte Wolfgang Haserer, früher Mitarbeiter der Heimatzeitung und jetzt Pressesprecher des Landratsamtes Mühldorf, seinen Beitrag vor: „Zehn Pfennig für eine Kugel Eis“. Dort schreibt er über die Familie Soravia, die vor über 60 Jahren die Eisdiele „Venezia“ in Mühldorf gründete. Sie stammt aus der Gegend von Cortina d‘Ampezzo in Norditalien. Der Großvater des heutigen Besitzers Luca Sartori war Marco Soravia. Er suchte einen Ort für eine Eisdiele und fand diesen in Mühldorf. Mit dem „Venezia“ wurde so ein Ort von „dolce vita“ mitten in Mühldorf geschaffen. Waren es anfangs nur zehn Eissorten, werden heute 40 verschiedene Geschmacksrichtungen angeboten.
Am Ende konnte Meinrad Schroll verkünden: „Mit dem neuen Band des Mühlrads ist uns wieder eine schöne Mischung gelungen.“ Mitglieder erhalten den Band jetzt kostenlos. Wer ihn kaufen will: Für 16 Euro ist er in allen Mühldorfer Buchgeschäften erhältlich.