Josef Enzinger erhält die Ehrenurkunde des Freistaats Bayern für Arbeitsjubilare
Der letzte „Schweizer“ der Stiftung Ecksberg
Mühldorf – Melker ist ein Full-Time-Job. Josef Enzinger wusste aber, worauf er sich einließ, als er in den 1960er- Jahren seine Ausbildung bei einem Betrieb in Kienberg begonnen hatte. Schließlich war er selbst auf einem Bauernhof auf dem idyllischen Steinhögl bei Anger aufgewachsen. Full-Time-Job deswegen, weil er mit Lebewesen zu tun hat, die frühmorgens, oft vor Tagesanbruch, gemolken werden wollen. Oder zu den unmöglichsten Zeiten kalben, selbst wenn der „Schweizer“, wie der Beruf in einer alten Bezeichnung auch genannt wird, mitten in der Nacht noch einmal in die Stallkleidung schlüpfen musste.
Seit 1. November 1970
in Ecksberg tätig
Seit dem 1. November 1970 hat Josef Enzinger all das in der Stiftung Ecksberg geleistet. Damals hatte die Landwirtschaft in der Stiftung einen großen Stellenwert. Auf dem riesigen Hof und drumherum waren ein Schuster, Schreinerei und Metzgerei untergebracht.
In der Landwirtschaft arbeiteten und lebten auch behinderte Bewohner der Stiftung Ecksberg mit, die „Hofbuam“ wurden sie auch genannt, die fleißig im Stall geholfen haben. Josef Enzinger trug auch für sie große Verantwortung.
Die Milchviehwirtschaft hat die Stiftung zwar schon 1999 aufgegeben. Doch Enzinger hat nie die Hände in den Schoß gelegt, kümmerte sich in der Zeit danach um die Wälder der Stiftung und war auch für den Ackerbau zuständig.
Das macht der rüstige Rentner bis heute. Er baut Getreide an, geht mit ins Holz, wenn es darum geht, Käferbäume ausfindig zu machen. Oder er transportiert mit seinem Hoftruck Heuballen zu den Stallungen der Therapiepferde. 55 Jahre nonstop bei ein und demselben Arbeitgeber. Die Bayerische Staatsregierung nahm dies zum Anlass, den betagten Mühldorfer zu ehren.
„55 Jahre früh aufstehen, Jahr für Jahr, verbunden mit einem Pflichtgefühl, mit einer Leistungsbereitschaft und einer Hingabe zur Verantwortung, wo es viel Arbeit gibt“, so begann Christian Schoppik, Ministerialdirektor im bayerischen Arbeitsministerium, seine Laudatio in der Münchner Residenz. Er skizzierte den Weg Enzingers in der Arbeitswelt, die ihn von Kienberg und nach der Zeit im „Barras“, also dem Grundwehrdienst, erst einmal zur Brauerei Erharting brachte, wo er in der Landwirtschaft angestellt war. „Doch nicht lange, denn Ihr Können hat sich schnell herumgesprochen. 1970 holt Sie die Stiftung Ecksberg nach Altmühldorf. Sie wissen, welche Kuh beim Melken ausschlägt, welche brav ist, welche Zicken macht, welche ihren eigenen Kopf hat“, würdigte Schoppik mit launigen Worten die Tätigkeit Enzingers.
„Sie haben Spuren hinterlassen im Forst, wo ihre Bäume auch in 100 Jahren in jedem Winkel noch stehen werden, auf dem Feld, das Sie kennen wie Ihre Westentaschen, im Betrieb, in dem alle sich auf sie verlassen und Sie um Rat fragen.“ Der Begriff Nachhaltigkeit komme aus der Forstwirtschaft. „Das ist, was auch Ihr Leben geprägt hat und was Sie den nächsten Generationen an Wissen bis in die Gegenwart hinterlassen, in Ihrer Verantwortung für unsere Kinder und Enkel.“
Und bis heute helfe er noch mit, auch privat stehe er nicht still. „Der Gemüsegarten wächst und mit ihm auch die Frucht der Familie, mit zwölf Enkelkindern und zwei Urenkeln.“ Er ist seit 56 Jahren verheiratet. Vater, Opa, Ur-Opa. Ein Vorbild für die Jugend. „Heute sagen wir Danke, lieber Herr Enzinger, für die großartige Dienstleistung, ein halbes Jahrhundert im Dienst unserer Heimat Bayern!“
Dr. Alexander Skiba, Vorstand der Stiftung Ecksberg, bezeichnete Josef Enzinger als „ein absolut würdiges Beispiel für die Ehrung als Arbeitsjubilar durch das bayerische Arbeitsministerium“.
Mit 55 Betriebsjahren zähle Enzinger eindeutig zu den Rekordhaltern, mit seinen über 80 Lebensjahren leiste er weiterhin sehr wertvolle Dienste für den land- und forstwirtschaftlichen Betrieb und für den Standort Ecksberg. „Herr Enzinger ist ein herausragendes Beispiel für Loyalität, Engagement für Landwirtschaft, Heimat und Kultur. Wir sind sehr froh, dass er weiterhin zum Team der Stiftung Ecksberg gehört.“ Wenn Enzinger heute auf seine Tätigkeit zurückblickt, dann tut er das mit voller Zufriedenheit. An eine kritische Situation erinnert er sich: „1984 war das, als Arbeiten an der Stromleitung in eine Katastrophe mündeten.“ Der fehlgeleitete Strom verbreitete sich über die eisernen Anbindevorrichtungen im Stall, die meisten Rinder erlitten einen Stromschlag.
Kühe, die nicht sofort tot waren, hatten sich das Rückgrat oder Beine gebrochen, sie mussten notgeschlachtet werden. Sämtliche Bauern und Landwirte der Region waren sofort zur Stelle, um zu helfen. Ein Tag, den Sepp Enzinger nur deswegen überlebt hat, weil er gerade bei einer Kuh war, die mit einem Seil festgebunden war, der Strom deshalb nicht weitergeleitet wurde.
Frische Luft, der Garten
und die Enkelkinder
Die tägliche Arbeit an der frischen Luft hält ihn jung, sagt er heute. Dazu sein großer Garten und mittags ein Schläfchen in der Sonne in „seinem Hof“. Mehr braucht er nicht. „Und die Enkel- und Urenkel!“, ergänzt er. Denn wenn die nach Ecksberg kommen, dann ist der Opa gefordert. Der routinemäßige Mittagsschlaf kann dann auch gerne mal ausfallen.