Waldkraiburg – Zwischen den Kleiderständern hängt die bunte Vielfalt eines halben Lebens: Jeans in Hell und Dunkel, Winterjacken mit Fellkapuze, T-Shirts in allen Farben. Auf einem Tisch stapeln sich ordentlich gefaltete Pullover, auf dem Flur vor dem Eingang lockt ein Sonderangebot. Die Kleiderhaken rasseln leise, als eine Kundin durch die Reihen streift und nach einem neuen Lieblingsstück sucht.
Niedrige Preise,
großes Angebot
Hier im Kleiderladen des Awo-Projektehauses Jagus geht es nicht nur ums Einkaufen – es geht um Begegnung, Nachhaltigkeit und die zweite Chance.
Das Angebot im Kleiderladen ist groß, die Preise sind niedrig, und doch bleibt der Andrang überschaubar. „Wir haben viel Ware, aber für die Größe Waldkraiburgs kommen einfach zu wenige Menschen zu uns“, sagt Petra Fazekas. Das Projektehaus gibt es seit 40 Jahren, seit drei Jahrzehnten arbeitet sie dort – in der Näherei, im Verkauf, und längst ist sie das Gesicht im Kleiderladen.
Ausbildung
und Unterstützung
Im Erdgeschoss sind im Foyer Geschirr, Gläser und Deko-Artikel ausgestellt – ein Teil des Sortiments aus dem Möbelladen. Beide Secondhandläden sind Teil eines großen Ganzen – des Jagus-Projektehauses der Awo, in dem Handwerk, Ausbildung und soziale Unterstützung Hand in Hand gehen.
„Wir bieten gute Ware zu günstigen Preisen. Auch im Hinblick auf Nachhaltigkeit ist Secondhand eine gute Sache“, sagt Petra Fazekas. Für viele Stammkunden gehöre der Besuch im Kleiderladen zur Routine, manche kommen sogar aus Braunau, Erding oder Rosenheim. Doch für manche Bürger aus Waldkraiburg wird der Weg ins Gewerbegebiet ohne eigenes Auto schnell zur Hürde. Hinzu kommt die Konkurrenz durch immer billigere Neuware. „Das ist eigentlich schade, denn wir haben hier ein gutes Angebot“, erklärt Petra. Erfreulich sei aber, dass gerade am Freitagnachmittag zunehmend auch Jugendliche in den Kleiderladen kommen und stöbern.
Doch das Projektehaus ist mehr als ein Ort des Einkaufens. Neben dem Secondhandbereich betreibt die Awo mehrere Werkstätten – von der Schreinerei über den Malerbetrieb bis hin zum eigenen Friseursalon und einen Umzugsservice. „Die Auftragslage ist gut, unsere Handwerker sind gut ausgelastet“, sagt Sandra Eigner. Die Sozialpädagogin betreut die Auszubildenden im Haus und ist stellvertretende Einrichtungsleiterin unter Helena Kalinin.
Das Projektehaus bietet sozial benachteiligten Jugendlichen die Chance einer Berufsausbildung. „Wir bilden meist diejenigen aus, die auf dem regulären Arbeitsmarkt keine Chance hätten“, erklärt Sandra Eigner. Schreinerlehrlinge, Maler-Azubis oder Fachkräfte im Verkauf – sie alle lernen hier nicht nur ihr Handwerk, sondern auch, Verantwortung zu übernehmen. Damit die Einrichtung die notwendige sozialpädagogische Begleitung leisten kann, ist sie auf Fördergelder angewiesen. „Einen Teil erwirtschaften wir mit unseren Läden und Dienstleistungen, aber ohne finanzielle Unterstützung geht es nicht“, sagt Sandra Eigner.
Doch die wirtschaftlich schwierige Situation spürt man auch im Projektehaus: „Es gibt immer weniger Förderungen, weil weniger Geld zur Verfügung steht.“ Die Finanzierung sei komplex, jedes Jahr müsse man sich neu um Fördergelder bemühen.
Dabei bleibt der Bedarf laut Eigner hoch – und wenn Fördergelder fehlen, könne man keine zusätzlichen Azubis einstellen. „Die Kosten würden dann komplett bei uns liegen“, beschreibt Eigner die Situation. Der Wunsch nach Zusammenarbeit anderer Institutionen sei da, doch es scheitere am Geld. „Die Zeiten sind schwierig“, sagt Eigner. Um so wichtiger sei es, dass das Projektehaus finanziell möglichst eigenständig bleibt. „Je mehr wir erwirtschaften, desto unabhängiger sind wir“, fährt Eigner fort.
Dazu gehört auch, das eigene Angebot sichtbarer zu machen. „Man muss mitmachen am Markt“, ist Petra Fazekas überzeugt. Deshalb versuche die Einrichtung auch, digital mehr Leute zu erreichen, und betont dabei eins: „Bei uns darf jeder einkaufen – ganz ohne Berechtigungsschein.“