Waldkraiburg – Das 60-jährige Bestehen des Literaturkreises wurde im Haus des Buches zusammen mit Filmregisseur und Buchautor Ralf Westhoff festlich gefeiert. Einen solchen Literaturkreis habe man bisher – außer in Hamburg – noch nirgends gefunden, erinnerte seine unermüdliche Leiterin in ihrem Rückblick über die sechs Jahrzehnte.
Margarete Marklsdorfer schilderte, dass die ersten Titel tatsächlich eher Schullektüren gewesen seien, auch drei Theaterstücke waren darunter. „Ich muss die Namen Werner Tusche, auch Gudrun Rösler und Lisa Fackler erwähnen, welche die Anfangszeit prägten. Es wurde viel diskutiert, bis das heutige Format der Zusammenkünfte erreicht war“, so Marklsdorfer.
Bis in die Achtzigerjahre stellte man ein Semester unter ein Thema und erweiterte schließlich mit englischer und europäischer Literatur – darunter vor 40 Jahren auch Günter Wallraffs Buch „Ganz unten“. Selbst Lektüren von Gastarbeitern der ersten und zweiten Stunde, die über das Leben in ihrer Heimat berichteten sowie feministische Literatur gehörten dazu. Man stellte schließlich einzelne Länder wie Italien oder Island in den Mittelpunkt und wurde immer bunter, internationaler und auch politischer. „Für unseren Kreis ist der unmittelbare Austausch das Wichtigste. Viele Zeitungen verbreiten Bücherlisten: Druckfrisch liegt hier und heute für sie die VHS-Liste mit 600 Titeln für alle auf.“ Neben vielen Blumen bekam sie von Anni Geuge ein Buch ihres Lieblingsregisseurs Dieter Dorn von den Münchner Kammerspielen überreicht.
Bei lockeren Gesprächen am Buffet folgte der mit Spannung erwartete zweite Höhepunkt dieses Abends: Filmproduzent Ralf Westhoff stellte sein erstes Buch vor. Und er führte dazu locker ein: „Ich darf hier sein dank Vitamin B, denn meine Mama Regina ist Mitglied im Literaturkreis.“ Geboren 1969 und mit seiner Familie seit 1988 in Waldkraiburg, schloss sich für ihn nach dem Abitur in Gars ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an, er war als Volontär, Redakteur und Kurzfilmer tätig, bis ihm mit den Filmen „Shoppen“ und „Wir sind die Neuen“ der Durchbruch gelang.
Und nun ist Ralf Westhoff als Buchautor in seiner Heimatstadt. Mit „Niemals nichts“, das im März erschien, habe sich bei ihm wieder die permanente Lust am Schreiben gezeigt. Dabei sind es die ökonomischen Ungleichheiten, die ihn stören. Seine wirtschaftswissenschaftlichen Kenntnisse halfen ihm zudem „und so kam es, dass diese Parabel als literarische Fiktion erzählt werden wollte“, so der Verfasser. Der Titel entstand, als ein Notar der Hauptfigur Liza empfiehlt: Zahle niemals nichts!
Die Geschichte spielt Anfang des 19. Jahrhunderts auf zwei Höfen im Nirgendwo. Liza, die als einzige Maximilian mit seinem Sprachfehler versteht, kennt ihn von Kindheit an und ihre Zweckehe entsteht aus der Not heraus. Der andere Hofbesitzer, Andres, ein Träumer, hatte für eine Schiffspassage in die Neue Welt Hab und Gut beliehen und seinem Sohn Maximilian einen Schuldenberg hinterlassen. Diese Lage weckt Lizas Kampfgeist: Sie kommt zum Beispiel den Kornhändlern auf die Schliche, nimmt das Schicksal in die eigene Hand und auf diese Weise wächst auch die Liebe zu Maximilian.
Beim Vorlesen spürte man, dass Ralf Westhoff ein großes Herz für seine Figuren hat. Es ist eine abwechslungsreiche, spannende Geschichte über Selbstverwirklichung, Mut und einem Trip in vergangene Zeiten. Am Ende wollten viele Besucher einen handsignierten „Ralf Westhoff“ mit nach Hause nehmen. fis