Mühldorf – Hans Zierhofer wischt auf seinem Handy auf und ab und vergrößert dann ein Schwarz-Weiß-Foto, das eine fesche junge Frau in einem getupften Badeanzug zeigt. „Das ist meine Fanny“, erklärt der 93-Jährige ein bisschen stolz. Seine Gattin stupst ihn an, lächelt und meint verschmitzt: „Du bist einfach unmöglich.“
Beinahe unmöglich klingt es auch, dass ein Ehepaar die sogenannte Gnadenhochzeit feiern darf, was nichts anderes heißt, als 70 Jahre verheiratet zu sein. Franziska, genannt Fanny, und Hans Zierhofer durften dieses seltene Ereignis im vergangenen Mai erleben.
Am 25. Mai 1955 traten sie in Polling vor den Standesbeamten, und am 28. Mai wurde in der Kirche St. Peter und Paul kirchlich geheiratet. Seitdem gehen die beiden durch dick und dünn und haben ihren Entschluss, zu heiraten, noch nie bereut. Gedanklich blicken die Eheleute auf das Jahr 1951 zurück, als sie sich auf dem Mühldorfer Volksfest trafen und dort in näheren Kontakt kamen. „Fanny kannte ich vom Sehen, mehr aber nicht“, erinnert sich Zierhofer, und seine 89-jährige Gattin ergänzt: „Meine Schwester und deren Freundin wollten unbedingt auf das Volksfest, was meine Mutter aber nur gestattete, wenn ich quasi als Aufpasserin mitgehe.“
Hans Zierhofer lacht und sagt: „Tja, das hat doch wunderbar geklappt.“ Dem Anbandeln stand jedenfalls nichts mehr im Wege. Die Verliebten verabredeten sich künftig jede Woche zum Tanzabend beim Huberwirt.
Eine geplante Eheschließung war seinerzeit aber mit einer kleinen Hürde versehen, sollten Braut oder Bräutigam noch keine 21 Jahre alt sein. Die Volljährigkeit in Deutschland wurde erst 1975 von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt. Fanny, mit ihren zarten 19 Jahren, brauchte 1955 daher die Unterschrift eines Erziehungsberechtigten, bevor sie ihrem 23-jährigen Verlobten das Ja-Wort geben konnte.
Die Zierhofers bauten sich Anfang 1960 in der Lohmühlsiedlung ein Haus und wurden Eltern von drei Söhnen und einer Tochter. Was das Ehepaar hervorhebt: „Unser Leben bestand hauptsächlich aus Arbeit.“ Hans, gelernter Baukaufmann und Maurer, arbeitete 50 Jahre als technischer Angestellter, während seine Frau Haus und Kinder versorgte.
Mit einem Lächeln im Gesicht erzählt Fanny von ihrer großen Nähleidenschaft. „Sogar mein Brautkleid ist eine Eigenproduktion, und natürlich schneiderte ich auch für unsere Kinder sämtliche Anziehsachen.“ Und dann kommt die Seniorin noch einmal auf den getupften Badeanzug zurück, den sie vor Jahrzehnten trug und damit fotografiert wurde. „Der Badeanzug entstand ebenfalls an meiner Nähmaschine“, sagt sie, und ihre Augen leuchten.
Urlaub – mit diesem Wort konnten die Eheleute lange Zeit nichts anfangen. Erst zur Silberhochzeit ging es für einige Tage an den Bodensee. „Diese Fahrt organisierten unsere Kinder“, freut sich Hans Zierhofer noch im Nachhinein und fügt hinzu: „Weil uns der Ausflug sehr begeisterte, buchten wir später hin und wieder kleine Busreisen, wie beispielsweise nach Venedig.“
Sind zwei Menschen 70 Jahre lang verheiratet, dann darf die Frage nicht fehlen, ob es dafür vielleicht ein Geheimnis gibt. Dies verneinen die Eheleute, betonen aber: „Wichtig ist es auf alle Fälle, dem anderen zuzuhören und ihn ausreden zu lassen und bei Unstimmigkeiten immer wieder aufeinander zuzugehen.“
Außerdem, da sind sich die Zierhofers sicher, müsse man etwaige Macken des Partners ertragen und akzeptieren. Und was schätzen die Eheleute besonders aneinander? „Eine Bessere als meine Fanny könnte ich mir nicht vorstellen. Sie ist treu, lieb und fleißig und kann hervorragend kochen“, lobt Hans seine Angetraute. In all den Jahren, als er noch berufstätig war, durfte er sich jeden Tag pünktlich um 12 Uhr auf ein frisch gekochtes Essen freuen.
Und Fanny mag an ihrem Hans sein Durchhaltevermögen, denn er sei in Sachen Arbeit so etwas wie ein Dauerläufer. Trotz fortgeschrittenen Alters versorgen sich die Zierhofers überwiegend allein. Haus und Garten sind super gepflegt. „Bäume schneiden darf mein Hans aber nicht mehr“, stellt Fanny klar. Das Rasenmähen erlaubt sie ihm noch.
Die Zierhofers sind sich bewusst, dass vieles passen muss, um so eine lange Wegstrecke miteinander verbringen zu können. Hans schaut seine Fanny nach wie vor verliebt an und hofft: „Vielleicht schaffen wir es, auf der Eheleiter noch einige Stufen weiterzuklettern.“ Ursula Huckemeyer