Mühldorf – Ortstermin am Haus Nummer 2 Auf der Wies gleich hinter dem Mühldorfer Stadtplatz. Mit einem Händedruck wie ein Schraubstock begrüßt Hausherr Hans Hüttinger die OVB-Reporterin. Der 82-Jährige hat um einen Besuch gebeten, ihn treibt eine folgenschwere Neuigkeit um. „Seit dem letzten Besuch vom Kaminkehrer vor ein paar Tagen, weiß ich, dass ich nicht mehr mit dem Räuchern weitermachen kann“, so seine Botschaft.
In der Familie wird seit
Generationen geräuchert
In seinem Haus, das vor Jahrhunderten in Mühldorfs frühere Stadtmauer hineingebaut wurde, ist seit jeher auch eine Räucherkammer untergebracht. Wie Hüttinger zu erzählen weiß, haben in ihr die Familie Höcherl und er selbst schon seit über 100 Jahren Fleisch und Würste geräuchert. Und so sei es wohl auch in den Jahrhunderten davor schon gemacht worden.
Hüttinger hat dieses Handwerk von seiner Mutter erlernt. Sie war um 1920 herum als Haushälterin nach Mühldorf gekommen und hatte für ihren Dienstherren immer wieder Fleisch zum Räuchern in das Haus Auf der Wies gebracht. So lernte sie die darin lebende Familie Höcherl kennen. Als die Frau des Hausherrn verstarb, nahm der schließlich sie zu seiner neuen Ehefrau.
Der eine Sohn, Fritz Höcherl, baute als Schäfflermeister in der großen Werkstatt des Hauses Holzfässer. Noch heute stehen die Maschinen in den großen Räumen. Der zweite Sohn, Hans Hüttinger, arbeitete als Betriebsschlosser bei BMW in München und später selbstständig in seiner Werkstatt für Sportmotoren in einem Haus gleich gegenüber.
Die Räucherarbeiten übernahm nach dem Tod des Vaters die Mutter mit der Unterstützung von Gesellen und ihrem Sohn Hans. Im Jahr 1985 brach sich die Mutter den Oberschenkel und Hüttinger pflegte sie mehrere Jahre lang. Nebenbei hielt er auch das Räuchern am Laufen.
„Mit einigen Kundschaften habe ich seit 30, 40 Jahren zu tun“, erzählt er. „Sie brachten ihr eingesurtes Fleisch und ihre rohen Würste zu mir und ich hab es in die Selch gehängt und mehrere Tage lang geräuchert.“ Mithilfe einer Holzstaffelei bestückte er die bis unter die Decke hängenden Fleischhaken und Stangen mit Schinken in Stücken von einem bis über 30 Kilogramm, und mit kurzen und langen, dicken und dünnen Brat- oder Leberwürsten. „Da bleibt ma jung“, grinst er. Ein Fitnessstudio habe er nie gebraucht.
Um die Räucherkammer zu zeigen, schlüpft Hans Hüttinger flink durch die kleine Eingangsluke rein und raus. Der Raum ist ungefähr so groß wie eine Fahrstuhlkabine, nur etwas höher. Drinnen ist es pechschwarz. Er leuchtet mit einer Stablampe, ohne sie würde man die eigene Hand nicht vor den Augen sehen. Es riecht rußig und ein bisschen nach Geräuchertem.
In der Decke sind Abzugslöcher und genau die gehören jetzt zu Hüttingers Problem. „Räuchern tu ich kalt, da wird die Tür der Kammer nur handwarm“, erklärt der 82-Jährige. „Wenn der Kaminkehrer die Räucherkammer überprüft und die Wartung erledigt, muss er Russ und Pech ausbrennen. Beim letzten Mal hat er gemeint, das wäre jetzt zu gefährlich geworden.“ Denn über der Kammer, zum ersten Stock des Hauses, ist die Decke aus Holz. Die Balken könnten durch die Hitze des Ausbrennens in Glut geraten, ohne dass es von außen zu sehen sei.
„Was mir der Kaminkehrer gesagt hat, klang vernünftig. Und wenn etwas passiert, dann wär ich dafür verantwortlich!“ Hüttinger ist das Räuchern im wahrsten Sinne des Wortes zu heiß geworden. Das Risiko ist ihm einfach zu groß. Er überlegt zwar, die Kammer von einem Fachmann wieder auf einen guten Sicherheitsstand bringen zu lassen, aber das könnte ihn zigtausend Euro kosten.
Das bestätigt auch der zuständige Kaminkehrer, der als Fachmann für den Brandschutz dafür gerade stehen muss, dass diese Anlage sicher ist. „In ihrem jetzigen baulichen Zustand ist es zu gefährlich, die Räucherkammer weiterzubetreiben“, betont er. In der Decke der Räucherkammer zum ersten Stock befinde sich bereits ein Riss, Bauteile seien locker. Beim Räuchern und Ausbrennen könnte Glut austreten. Eine Sanierung sei eventuell machbar, aber rentiere sich für den Hausherrn eher nicht. „Das kann ich nicht mehr erwirtschaften, zum Reichwerden war das nie“, stellt er realistisch fest, auch wenn er es gerne noch so lange machen würde, wie er es körperlich packt.
Ihm tut es leid für seine Kunden. Zwei musste er in den letzten Tagen schon abweisen. Einer hatte schon selbst gemachte Würste vorbereitet, für die muss er jetzt einen anderen Selcher finden. „Außer mir weiß ich aber keinen“, überlegt der Mühldorfer.
Hans Hüttinger kann alle seine Stammkunden auch gar nicht erreichen. Die meisten kamen einfach immer vorbei, er war ja da, Telefonnummern hat er von den wenigsten.
Er hofft, dass viel die Zeitung lesen und es anderen weitersagen. „Sie brauchen gar nicht mehr bei mir nachfragen“, das auszusprechen fällt ihm nicht leicht. „Ich darf nicht mehr!“