Mühldorf – „Ich weiß, dass Mama da im Grab ist, aber es fühlt sich an wie ein Traum.“ Miriam war acht Jahre alt, als ihre Mutter starb. „Ich hatte immer das Gefühl, ich bin anders als alle anderen Kinder“, erzählt sie heute, mit 46 Jahren. „Kurz bevor meine Mama starb, erfuhren wir Kinder, dass sie Brustkrebs hat – mehr wurde uns nicht gesagt. Alle Erwachsenen wussten, dass sie sterben wird. Nur wir Kinder nicht.“
Nach dem Tod wurde geschwiegen. „Mein Vater heiratete bald wieder, und über den Tod wurde nie gesprochen. Ich merkte immer, dass ich irgendwie anders bin – aber erst nach vielen Psychotherapien konnte ich verstehen, warum.“ Wenn Kinder trauern, bleiben Erwachsene oft sprachlos. Wenn Kinder oder Jugendliche einen geliebten Menschen verlieren, berührt das viele Menschen besonders tief – und gleichzeitig fühlen sich viele hilflos. Manche sagen offen: „Das ist zu schwer, damit möchte ich nichts zu tun haben.“ Das berichten die Helfer des Mühldorfer Anna Hospizvereins. Sie haben sich die Trauerarbeit mit Kindern zum Programm gemacht.
Dieses Schweigen führt dazu, dass trauernde Kinder oft allein mit ihrem Schmerz bleiben. Erwachsene wollen sie vor Leid schützen, nehmen sie nicht mit zu Beerdigungen oder reden nicht über das Geschehene. Das aber kann Ängste und Unsicherheiten verstärken. Weil Trauerbegleitung für die Entwicklung junger Menschen so entscheidend ist, hat der Anna Hospizverein vor zwei Jahren ein spezielles Kindertrauerprojekt ins Leben gerufen. „Wir sehen jeden Tag, wie groß der Bedarf ist“, sagt die Koordinatorin des Projekts. Seit November 2023 wurden bereits mehr als 60 Kinder und ihre Angehörigen begleitet. Viele von ihnen haben ein Elternteil verloren, bei anderen sind Großeltern schwer erkrankt. Auch Geschwisterkinder von verstorbenen Babys und Jugendlichen finden im Projekt Unterstützung. „Trauer ist oft wie ein schwerer Klotz, den man kaum tragen kann“, sagt eine der Begleiterinnen. „Wir können diesen Klotz nicht kleiner machen – aber wir können ein Stück des Weges mittragen.“
In Einzelgesprächen, Kindertrauergruppen und einer Kreativgruppe für Jugendliche finden die jungen Menschen einen geschützten Raum. Sie dürfen traurig, wütend, laut oder still sein – ganz so, wie es sich für sie richtig anfühlt. Malen, Handwerken, Bewegung und Zuhören helfen, Worte für das Unfassbare zu finden. Nicht jedes Kind spricht über seine Trauer. Aber sie alle spüren: Ich bin nicht allein, heißt es beim Anna Hospizverein. Damit Kinder auch im Alltag Unterstützung erfahren, bietet der Hospizverein Schulungen und Workshops für Lehrkräfte, Erzieherinnen und Schulsozialarbeiter an. Denn wer Trauer im Schulalltag achtsam begegnet, schenkt Stabilität und Vertrauen.
Der Anna Hospizverein zeigt, dass Trauer nicht verdrängt werden muss. Mit offenen Herzen, Zeit und Zuwendung kann aus Schmerz neue Kraft wachsen. Miriam, die als Kind allein mit ihrem Verlust blieb, sagt heute: „Ich hätte mir damals jemanden gewünscht, der einfach da ist und nicht wegsieht. Genau das bekommen die Kinder hier – und das ist unbezahlbar.“
Um auf die Thematik aufmerksam zu machen und Geld für die Arbeit zu sammeln, veranstaltet der Hospizverein ein Benefizkonzert. Die Band Frida spielt am Freitag, 31. Oktober, ab 20 Uhr im Feinsinn Mühldorf. Karten gibt es beim Anna Hospizverein oder im Feinsinn Mühldorf.hon