Mühldorf/Kirchweidach/ Leipzig – Das ehemalige KZ-Außenlager im Mühldorfer Hart hat Susanne Siegert dazu gebracht, sich mit dem Holocaust zu beschäftigen. Sie teilt seit einigen Jahren ihre Recherchen und Erkenntnisse auf Social Media und ihrem Podcast „zeitzeug:nisse“. 2024 bekam die Journalistin den Grimme Online Award für ihre Aufklärungsarbeit; 2025 folgte im September der Margot-Friedländer-Preis. Nun bringt sie ihr erstes Buch heraus. „Gedenken neu denken. Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss“ ist im Piper Verlag erschienen.
Die junge Frau, die aus Kirchweidach bei Altötting stammt und heute in Leipzig lebt, stieß während der Corona-Zeit 2020 bei Spaziergängen auf das ehemalige KZ-Außenlager und das Gelände mit dem Bunkerbogen im Mühldorfer Hart. Damals war sie entsetzt, dass sie noch nie von diesem Ort gehört hatte, obwohl die heute 33-Jährige in der Nähe aufgewachsen und zur Schule gegangen war.
„Der Holocaust fand nicht nur in Auschwitz, Flossenbürg oder Buchenwald statt, sondern auch vor unserer Haustüre.“ Das macht die Influencerin immer wieder in ihren Videos deutlich. Inzwischen hat ihr Instagram-Account keine.erinnerungskultur 192000 Follower, ihr Account kz.aussenlager.muehldorf über 24000 Follower und auf Tiktok folgen ihr 227614 Menschen.
Sie gehöre zu einer Generation, die in der Schule nicht viel über die NS-Zeit erfahren habe. Schon gar nicht darüber, dass es in der Nähe – also im Mühldorfer Hart – eine Außenstelle des KZ Dachau gab. Durch eigene Recherchen habe sie herausgefunden, was sie gerne spätestens in der Oberstufe gelernt hätte. „Passend dazu wurde ,Alles, was du in der Schule garantiert nicht über Naziverbrechen lernst‘ zum Slogan von meinem Instagram- und Tiktok-Kanal keine.erinnerungskultur“, so Siegert.
„Keine Erinnerungskultur“ beziehe sich auf die Erkenntnis, dass man sich nur an etwas erinnern kann, das man selbst erlebt habe. Darum müsse der Begriff Erinnerungskultur diskutiert werden. Sie kritisiert das „inszenierte Gedächtnistheater“, moralische Rituale, die aufgeführt werden, die ein gutes Gewissen verschaffen sollen. „Mit einer echten Aufarbeitung oder politischen Konsequenzen ist das nicht verbunden“, so Siegert. Die Opfergruppen – nicht nur Juden – seien dabei häufig nur Statisten.
In ihrem Buch, das sie als Gedankenanstoß versteht, spricht sie darüber, dass es heute eine andere Form von Erinnerungskultur geben muss, um die Menschen mit dem Thema Holocaust und NS-Verbrechen überhaupt noch zu erreichen. Man müsse weg von Gedenktagen, die wie Theaterstücke anmuten. „Wer kommt beim Erinnern eigentlich zu Wort und warum schaffen wir es als Nachkommen der Tätergesellschaft nicht, uns offen mit unseren Familiengeschichten auseinanderzusetzen?“, fragt die Autorin. Sie lädt ein, sich Gedanken zu machen, wie man Erinnerungskultur mutig neu gestalten kann.
Im Vorwort ihres Buches stellt sie sich selbst die Frage, was sie als Millennial, aus dem katholischen Oberbayern stammend, zur Auseinandersetzung mit Nazi-Verbrechen beisteuern könnte. Und als Tiktokerin. Und ob sie überhaupt so ein Buch schreiben dürfe.
Siegert setzt sich damit auseinander, welche Rolle sie und ihre Auftritte auf Social Media in der Inszenierung des „Gedächtnistheaters“ spielen. „Natürlich spricht aus meinem Aktivismus auch der Wunsch, mich auf die ‚richtige Seite‘ der Geschichte zu stellen“, sagt sie. Sie versuche, sich als „gute Nachfahrin“ der Täter zu präsentieren und setze sich zeitgleich offen mit der Täterschaft in der eigenen Familienbiografie auseinander.
Auch sie könne das „Gedächtnistheater“ nicht ganz überwinden. Doch sie könne selbst entscheiden, wie sie sich engagiere: mit eigener Sprache auf Social Media, an 365 Tagen im Jahr, mit Empathie für die Opfer und über Reflexion zu ihrer eigenen Biografie und der Rolle ihrer Vorfahren während der NS-Zeit.
Zu Siegerts Anliegen gehört auch, die weniger bekannten NS-Verbrechen und Orte oder bisher vernachlässigte Opfergruppen zu beleuchten. Sie zeigt in ihren Videos, wie jede Person selbst in den Arolsen Archives recherchieren kann. Hier finden sich Dokumente, die aus Konzentrationslagern gerettet wurden, und weitere Hinweise zu rund 17,5 Millionen Menschen.
„Gedenkkultur muss aktiver und vielfältiger werden, damit man zukünftige Generationen auch ohne direkte Zeitzeugenberichte erreichen kann“, sagt Susanne Siegert. Am Mittwoch, 10. Dezember, kommt die Wahl-Leipzigerin, die durch Deutschland tourt, zur Lesung nach Mühldorf in den Haberkasten.Andrea Klemm