Einsamkeit, Depressionen, Isolation

von Redaktion

Gerontopsychiatrischer Dienst im Landkreis – Wie eine Gesprächsgruppe Senioren Halt gibt

Waldkraiburg – Leise klirrt eine Tasse, als eine Frau sie auf dem Unterteller absetzt. Auf dem Tisch stehen noch Semmeln, Marmelade, Käse und Wurst. „Man muss weitermachen, selber die Initiative ergreifen und lernen, sich zu motivieren“, sagt eine zweite Frau mit fester Stimme. Ihr gegenüber sitzt ein Mann, der still in die Runde blickt. Gelegentlich nickt er, so als ob er sagen würde: Ich kenne diese Situation.

Sieben Frauen und ein Mann aus dem Landkreis Mühldorf treffen sich an diesem Morgen. Manche von ihnen kennen sich schon länger, andere sind erst wenige Male Teil dieser heterogenen Gruppe. Eines verbindet sie aber alle: Sie kämpfen gegen Einsamkeit, Depressionen und das Gefühl, isoliert zu sein. Alle zwei Wochen trifft sich hier die Frühstücksgruppe des Gerontopsychiatrischen Dienstes – seit 30 Jahren Anlaufstelle für psychisch kranke Menschen ab 60 Jahren und deren Angehörige. Die Gruppen ergänzen die individuellen Beratungsgespräche.

Völlig isoliert während
Corona-Pandemie

„Es soll hier ein Ort sein, an dem man gerne hingeht, an dem neue Freundschaften entstehen“, erklärt Einrichtungsleiterin Irmi Linz. Denn oft sind es genau diese Freundschaften, die einem im Alter fehlen und neuen Halt geben.

Eine Teilnehmerin, die lieber anonym bleiben will, erzählt: „2018 ist mein Mann verstorben. Das erste Jahr war schlimm, ich hatte wenige Kontakte. Als dann Corona kam, war ich völlig isoliert.“ Für sie begann ein langer Leidensweg, sie kam wegen Depressionen in eine Klinik. „Mit der Gruppe konnte mir nichts Besseres passieren. Ich habe so nette Freundinnen, die mir viel geben. Enkel habe ich nicht, aber euch“, sagt sie und nimmt die Hand ihrer Freundin.

So wie ihr geht es vielen in der Gruppe. „Viele haben einen Einschnitt im Leben erlebt – Scheidung, der Verlust des Partners oder einen anderen Schicksalsschlag. Man gerät aus dem Gleichgewicht und muss sein Leben wieder auf ein neues Gleis setzen“, fasst es Irmi Linz zusammen.

Wie schwer dieser Weg ist, bestätigt auch die Frau: „Ich konnte mir nichts unter Depressionen vorstellen. Ich war oft beim Doktor, aber bekam keine Antwort auf meine schwermütige Situation.“ Erst als es nicht mehr ging, suchte sie einen Psychiater auf und ließ sich in eine Klinik einweisen. „Corona hat viel ausgelöst, ich war stark mit der Einsamkeit konfrontiert. Ich konnte nichts mehr essen, mein Körper war ein Wrack.“

Die anderen nicken zustimmend. Auch sie erzählen von Klinikaufenthalten, von Erfahrungen mit Ärzten und davon, wie sehr ihnen der Austausch mit Mitpatienten geholfen hat. „Die Gruppe hat mich gesund gemacht, Mitpatienten helfen oft mehr als Ärzte“, ist die Frau überzeugt. Über Depressionen zu sprechen, sei dennoch schwer. „Dass viele Prominente offen damit umgehen, tut gut. Das Thema wird sichtbarer.“

Doch nach außen bleibt vieles unsichtbar. „Man sieht es den Menschen ja nicht an, viele reißen sich zusammen. Aber man muss weitermachen, selbst aktiv werden. Plötzlich steht man allein da und muss lernen, sich zu motivieren“, sagt ihre Freundin.

Ein Klinikaufenthalt könne helfen, wieder Struktur zu finden, ergänzt Linz: „Viele in der Gruppe waren in einer Klinik, weil sie keinen Ausweg mehr sahen. Mit dem geregelten Tagesrhythmus kommt auch das Leben wieder in Ordnung.“ In den Gruppengesprächen würden Betroffene lernen, Depressionen nicht als persönliches Versagen zu sehen, sondern Warnzeichen zu erkennen.

Nach langem Zuhören meldet sich eine dritte Frau mit glatten Haaren zu Wort. Sie lebt seit Jahrzehnten mit Depressionen. Nach der Geburt ihrer Tochter wurde eine rezidivierende Depression diagnostiziert. „In Belastungssituationen falle ich immer wieder in Depressionen. Ich weiß, was mir nicht guttut. Wenn ich solche Situationen nicht vermeiden kann, brechen die Depressionen über mich herein.“ Neue Situationen bereiten ihr oft Unbehagen, teils Panik. Sie bekomme Herzrasen, der Hals schnüre sich zu. Dass sie heute hier ist, verdanke sie einer Bekannten aus der Gruppe. „Ansonsten wäre ich nicht gekommen. Aber ich will wiederkommen, solange es nicht zu viel für mich wird.“ Für ihre ehrlichen Worte bekommt sie Applaus.

Von gegenseitigem
Verständnis geprägt

Ein gegenseitiges Verständnis prägt die Runde – etwas, das viele außerhalb der Gruppe vermissen. „Andere verstehen oft nicht, dass der Kopf nicht mitmacht. Es dauert lange, bis man sich aus seinem Loch befreien kann“, sagt eine weitere Frau mit starker Stimme. Ablenkungen bieten die gemeinsamen Gruppen, die sich auch regelmäßig zum Walken und Singen treffen.

Nicht jeder beteiligt sich an diesem Morgen am Gespräch, manche beteiligen sich nur mit wenigen Sätzen, andere wiederum hören nur zu, nicken zustimmend. Doch innerlich tut jedem der Austausch gut. Hier finden sie Verständnis, das sie von außen oft nicht sofort bekommen. Für Irmi Linz steht fest: „Für eine erfolgreiche Behandlung braucht es mehr als nur Medikamente, einen Dreiklang aus Medizin, Psychotherapie und Gruppengesprächen.“

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