SGF hat sich gefangen und ist optimistisch

von Redaktion

Suche nach Investor hat begonnen – Unternehmen möchte stärker wachsen als der Markt

Waldkraiburg – Der Geruch von Gummi hängt in der Luft, die Maschinen laufen, spucken Teile um Teile aus, die für neue Autos gebraucht werden: Gelenkscheiben, Aufhängungen und vieles mehr. Die Mitarbeiter überwachen die Monitore, prüfen die Werkstücke. Die Produktion bei dem Automobilzulieferer SGF läuft ganz normal weiter. Von Stillstand oder Niedergeschlagenheit keine Spur, das laufende Insolvenzverfahren ist nicht zu spüren.

„Stehen stabil und
sind frohen Mutes“

Einen Stock höher sitzen die SGF-Chefs Arne Festerling und Josef Wimmer in einem der Besprechungsräume. Auch sie wirken im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen entspannt, zumindest entspannter als vor ein paar Monaten, als sie am 27. August beim Amtsgericht Mühldorf den Antrag auf Insolvenzverwaltung in Eigenregie einreichen mussten. „Die Produktion läuft stabil“, freut sich Festerling. „Wir stehen jetzt wieder stabil, sind wieder frohen Mutes und blicken positiv nach vorne.“

Vor drei Monaten sah es noch anders aus. Da drohten die Schulden dem Traditionsunternehmen mit seinen 500 Mitarbeitern in Waldkraiburg und Kraiburg die Luft zum Atmen zu nehmen. Die Süddeutsche Gelenkscheibenfabrik GmbH & Co. KG (SGF), die 1946 als Süddeutsche Bremsbelagfabrik GmbH (SBF) gegründet wurde, war überschuldet, stand vor dem Aus. Dieses Aus soll jetzt mit dem Insolvenzverfahren aus eigener Kraft abgewendet werden.

„Unsere Situation ist noch angespannt, aber in Summe gut“, fasst Festerling die Entwicklung in den vergangenen Wochen zusammen. Die Mitarbeiter seien ebenso an Bord geblieben wie die Lieferanten und die Kunden, die Aufträge würden normal abgearbeitet, es seien sogar zusätzliche Schichten eingelegt worden. Festerling: „Die Basis passt, um weiterzumachen.“

Weltweit hat SGF nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr rund 110 Millionen Euro umgesetzt. Zu den Kunden gehören auch namhafte deutsche Autohersteller aus dem Premiumbereich; SGF ist bei seinen Hauptkunden auch bei den neuen Plattformen, die „für weiteres Wachstum sorgen sollen“, vertreten, erklärt Festerling.

Der kaufmännische Geschäftsführer, Josef Wimmer, beziffert den Schuldenstand auf einen „zweistelligen Millionenbetrag“. Der habe sich über die Jahre aufgebaut: Dieselskandal, Corona, Ukraine-Krieg, gestörte Lieferketten, hohe Energiekosten, Zölle, verunsicherte Verbraucher, all das habe zu einem sinkenden Absatz geführt.  

SGF habe schon frühzeitig reagiert, unter anderem sein Werk in Thüringen geschlossen, die Gesellschafter hätten das Unternehmen mit zusätzlichen Mitteln unterstützt, sagt Wimmer: Trotzdem seien die Verbindlichkeiten gewachsen.

Für den Schuldenabbau braucht es daher jetzt einen Investor. Der wird derzeit international gesucht, um mit ihm ein „tragfähiges Finanzierungskonzept“ zu erarbeiten, erläutert Wimmer. Ziel sei es, den Standort Waldkraiburg zu erhalten, die Arbeitsplätze zu sichern und für die neuen Aufträge zu investieren. „Es geht uns nicht ums Verwalten, sondern darum, mit unserer top ausgebildeten Mannschaft weiter in die Zukunft zu gehen und diesen Transformationsprozess zu gestalten.“ 

Erste Gespräche und Betriebsbesichtigungen mit möglichen Geldgebern habe es schon gegeben, berichtet Wimmer. „Die haben gesehen, dass wir ein Unternehmen sind, das gut aufgestellt ist und gut läuft.“

Jetzt werden die Unterlagen erarbeitet. Das brauche Zeit, auch wenn sich SGF-Chef Festerling einen „zügigen Prozess“ wünscht. „Fakt ist, dass es um den Erhalt und die Zukunft der SGF in Gänze geht.“

Die Mitarbeiter bräuchten weder Lohnkürzungen noch längere Arbeitszeiten zu befürchten, sagt Wimmer. Im Gegenteil, das verschobene Weihnachtsgeld werde sogar früher bezahlt. „Es ist wesentlich, dass wir die Kunden und die Mitarbeiter an Bord halten. Das ist die Basis für den Fortbestand der SGF.“ Dafür würden alle die Ärmel hochkrempeln und anpacken.

Rund zehn Prozent seines Geschäfts mache SGF mit dem Industriebereich, erklärt Festerling. 15 Prozent mit Teilen für die E-Mobilität und den Rest mit klassischen Gummibauteilen für Verbrenner. Er rechne damit, dass der Anteil von E-Mobilität bis 2023 auf 30 Prozent ansteigen werde. Noch sei SGF von der Verbrenner-Technologie abhängig, „aber abnehmend“. Generell wollen Festerling und Wimmer die SGF breiter aufstellen, „um die Schwankungen in den einzelnen Bereichen aufzufangen“.

Wachsen gegen
den Markttrend

Trotz aller Unsicherheiten am Markt gibt sich Festerling zuversichtlich: Vergangenes Jahr konnte SGF einen großen Auftrag an Land ziehen, dessen Produktion 2027 anlaufen und „weit über 2030 hinaus“ laufen werde.

Festerling geht sogar noch weiter: „Wir haben Aufträge gewonnen, mit denen wir in den nächsten Jahren gegenüber dem Markttrend wachsen können.“ Der Markt werde in Europa um die zwei bis drei Prozent schrumpfen. „Stand jetzt werden wir bis 2030 um rund 20 bis 30 Prozent wachsen. Aber das hängt natürlich auch ganz stark davon ab, ob die Planungen der Autohersteller eintreffen oder nicht.“

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