Mühldorf – Im Landkreis fehlen laut einer Pressemitteilung des Pestel-Instituts aktuell rund 700 Wohnungen. „Gleichzeitig stehen im Landkreis Mühldorf 1290 Wohnungen bereits seit einem Jahr oder länger leer“, heißt es weiter. Ein Hoffnungsschimmer ist das für das Institut nicht: „Wohnungen, die lange Zeit leer stehen, gehen kaum wieder in die Vermietung.“ Das Pestel-Institut hat nach eigenen Angaben im Auftrag des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) den Wohnungsmarkt analysiert und dabei den Wohnungsbestand, die Bevölkerungsentwicklung sowie Prognosen für den Arbeitsmarkt und die Beschäftigung im Landkreis Mühldorf angeschaut.
Rechnerisch gibt es
genügend Wohnungen
Das Landratsamt kann die Zahlen auf Nachfrage weder verifizieren noch bestätigen, teilt Pressesprecher Wolfgang Haserer mit. Auch habe das Landratsamt keine Zahlen zum Leerstand. Bei einer durchschnittlichen Wohnungsgröße von 2,2 Personen gab es 2022 rechnerisch genügend Wohnungen für alle Landkreisbürger, erklärt Haserer. Auch wurden seitdem jährlich mehr Wohnungen gebaut, als durch den Zuzug rechnerisch benötigt wurden. Zwischen 2011 und 2023 nahm die Einwohnerzahl im Landkreis um zwölf Prozent zu.
Auch Peter Heiß, Oberinnungsmeister der Bauinnung Mühldorf-Altötting, kann die Zahlen des Pestel-Instituts nicht bestätigen, aber die Tendenz: „Die Zahlen des Pestel-Instituts passen sehr gut zu dem, was wir im Alltag sehen. In vielen Orten suchen junge Familien oder ältere Menschen vergeblich nach einer passenden Wohnung. Gleichzeitig stehen alte Häuser leer – oft mitten im Ortskern.“ Das Problem sei laut Heiß: „Wer so ein Gebäude sanieren oder umbauen möchte, verzweifelt schnell an der Bürokratie.“ Er nennt Ensemble- und Denkmalschutz, lange Genehmigungsverfahren sowie komplizierte Förderprogramme. Das Ergebnis: Wertvolle Gebäude blieben ungenutzt, „obwohl man dort mit etwas Mut und weniger Papierkram sofort Wohnraum schaffen könnte.“ Laut Matthias Günther, Chef-Ökonom des Pestel-Instituts, braucht der Landkreis in den nächsten fünf Jahren pro Jahr „rund 320 neue Wohnungen“, um den Bedarf zu decken. Das deckt sich mit den Zahlen des Landratsamtes. Die Bertelsmann-Stiftung prognostiziert für den Landkreis bis 2024 ein Bevölkerungswachstum von fast zwölf Prozent, schreibt Haserer. Das mache einen Bedarf von rund 300 Wohnungen pro Jahr. Pestel-Ökonom Günther ist zuversichtlich, dass dieser Bedarf gedeckt werde. Im ersten Halbjahr habe es im Landkreis 225 Baugenehmigungen für neue Wohnungen gegeben. „Das könnte reichen, um den Wohnungsbedarf zu decken.“ Das Landratsamt bezieht sich auf Zahlen des Bayerischen Landesamtes für Statistik: Demnach wurden im Landkreis seit 2015 bis 2024 jedes Jahr mindestens 449 neue Wohnungen fertiggestellt. „2020 waren es sogar 904 Wohnungen“, schreibt Haserer. „Der Landkreis scheint daher für den steigenden Bedarf gut gerüstet zu sein.“
Die aktuelle Entwicklung könnte dieses Bild trüben. Seit drei Jahren sind die Baugenehmigungen sowie die Fertigstellungen rückläufig. Das Landratsamt verzeichnete bis zum August 222 Baugenehmigungen für Wohnungen. „Mit viel Optimismus“ kann Bauinnungsmeister Heiß derzeit eine Trendwende am Bau erkennen. Es gebe aber deutlich weniger Aufträge, vor allem im privaten Wohnungsbau. Die Gründe seien zu hohe Zinsen, teure Materialien und viel zu viele Vorschriften. „Früher hat ein Bauherr mit dem Architekten geplant, die Genehmigung kam in ein paar Wochen.“ Heute ziehe sich das über Monate und brauche viele zusätzliche Fachleute wie Bodengutachter, Statiker, Brandschutz- und Schallschutzexperten, Energieberater, Sicherheitsbeauftragte und so weiter. „So verliert mancher einfach die Lust oder kann es sich am Ende nicht mehr leisten.“
Das unterstreicht auch das Pestel-Institut: „Deutschland muss dringend wieder einfacher bauen.“ Auch würde in vielen Gemeinden und Ämtern das Personal fehlen, „um die Flut an Vorschriften zeitnah zu bearbeiten“, meint Heiß. „Wenn wir den Wohnungsbau ankurbeln wollen, muss hier dringend nachgesteuert werden – sowohl personell als auch organisatorisch. Wir brauchen dringend einfachere Verfahren und weniger Auflagen.“ Auch solle mehr um- statt neu gebaut werden. Heiß: „Das ist oft der schnellere und günstigere Weg.“ Pestel-Ökonom Günther nimmt auch den Bund in die Pflicht: Der müsse „den Neubau von Wohnungen wieder ankurbeln.“ Unter anderem mit günstigem Baugeld. „Maximal zwei Prozent Zinsen – teurer darf die Finanzierung beim Wohnungsbau nicht sein.“ An den Bauunternehmen liege es nicht, unterstreicht Heiß: „Wir haben das Know-how, wir wollen bauen. Aber wir brauchen endlich Rahmenbedingungen, die das auch möglich machen.“
Der Haus- und Grundbesitzerverein Waldkraiburg hat auf eine Anfrage der OVB-Heimatzeitungen zu dem Thema nicht geantwortet.