Ultraschall zwischen Heimatrelikten

von Redaktion

Umzug von heute auf morgen – Wie das Kraiburger Museum zur Arztpraxis wurde

Kraiburg – Die große Glastür geht auf. Man steht mitten im Foyer vom Kraiburger Heimatmuseum, links die Garderobe, rechts der Weg in die Ausstellungsräume. Der Blick wandert aber erst einmal nach oben zu den alten Relikten Kraiburger Geschichte, die von der Decke hängen.

Dort, wo während der Sommermonate Eintrittskarten für das Heimatmuseum verkauft wurden, sitzt nun eine Arzthelferin hinter dem Tresen und nimmt Daten der Patienten auf – Versichertenkarte statt Eintrittskarte.

Seit kurzem ist im Kraiburger Heimatmuseum die Hausarztpraxis von Dr. Julia Biebel untergebracht. Nach einem Wasserschaden musste sie ihre Praxis von heute auf morgen schließen und wusste erst einmal nicht wohin. „Wir haben vormittags noch Proben ins Labor geschickt und um 11 Uhr bekomme ich den Anruf, dass ich die Praxis sofort schließen muss“, erzählt Julia Biebel. Um 13 Uhr wäre Sprechstunde gewesen. Die Zeit bis dahin reichte gerade noch, um alle Termine abzusagen.

Viele Vorschläge
nicht umsetzbar

Doch wie soll es weitergehen? In ihrer Not wandte sich die Ärztin an Bürgermeisterin Petra Jackl. „Meine erste Überlegung war: Was passiert mit den Patienten?“ Dass diese möglicherweise mehrere Monate auf ihre Hausärztin verzichten müssen: „Das geht nicht.“ Und somit begann eine hektische Suche. „Ich hab ganz Kraiburg abtelefoniert, jeder hatte irgendwelche Vorschläge.“ Die Grundschule, das Haus der Musik oder das Bischof-Bernhard-Haus – „das war alles nicht umsetzbar“. Bis Petra Jackl plötzlich das Heimatmuseum in den Sinn kam und sich mit dem Bauhofleiter gleich vor Ort ein Bild machte. „Er war zwar anfangs skeptisch, aber die Gespräche wurden schnell konstruktiv. Es lief dann wie am Schnürchen.“ Noch am selben Nachmittag stehen die beiden Frauen gemeinsam im Museum und damit ist schnell klar: Das Museum wird das Ausweichquartier. „Wenn die Praxis nur für eine Woche geschlossen hat, gibt es viel im Voraus zu planen. Alle kritischen Dinge müssen zuvor geklärt werden und gegebenenfalls an den Vertreter weitergegeben werden.“

Einen Vorlauf hatte Julia Biebel nicht: Im Gebäude, wo ihre Praxis untergebracht ist, war für die Sanierung nach einem Wasserschaden der Brandschutz nicht gewährleistet. „Es gab x-Sachen zu erledigen, alle Geräte mussten eingepackt werden.“ Ihre Arzt-Kollegen Dr. Thomas Müller und Dr. Cesur Eroglu haben gleich die Vertretung zugesagt. „Das war total nett.“

Handwerker arbeiten
Seite an Seite

Am Mittwoch wurde die Praxis ausgeräumt, am Donnerstag stand der Umzugswagen vor der Tür. Parallel dazu musste die Telefonleitung umgelegt werden, Genehmigungen mit dem Gesundheitsamt und der Kassenärztlichen Vereinigung geklärt werden. Während am Freitag die ersten Möbel ins Museum getragen wurden, auf dem alten Holzboden wurden schnell Linien mit Kreide aufgezeichnet, auf denen im nächsten Moment schon Helfer die provisorischen Zwischenwände einzogen. Elektriker, Schreiner und Maler arbeiteten Seite an Seite. „Das ist alles wie von Geisterhand entstanden. Lauter gute Geister waren am Werk“, ist Julia Biebel noch immer begeistert. Trotz Stress sei viel gelacht worden, die Stimmung sei gut gewesen. „Der Staub im Gesicht hat sich mit Tränen der Rührung vermischt.“ Die Praxis während der Sanierung geschlossen zu lassen, war keine Option für sie. „Ich kann meine Patienten nicht monatelang im Stich lassen. Und wer weiß, ob es danach wieder ein Praxis-Team gibt, wenn so lange geschlossen ist?“

Nur eine Woche später konnte die Praxis im Museum wieder öffnen – eine Geschwindigkeit, mit der viele nicht gerechnet hatten. „Meine Mitarbeiterin war anfangs skeptisch. Sie hätte nicht gedacht, dass man das in so kurzer Zeit schaffen kann“, sagt Julia Biebel.

Der Umzug, die große Unterstützung und die schnelle Hilfe zeigen Julia Biebel, wie sehr sie als Ärztin von der Gemeinde und den Menschen geschätzt wird. „Von Ärzten wird oft ein schlechtes Bild vermittelt und das tut weh, wenn man sich um seine Patienten kümmert und sich Zeit für sie nimmt. Aber das hat diese Aktion alles ausgemerzt.“

Alt und neu vermischen
sich im Museum

Der Ausstellungsraum wirkt jetzt wie eine ungewöhnliche Mischung aus Arztpraxis und Museum: Trennwände unterteilen den Raum, an den Wänden stehen weiterhin Exponate wie der große Webstuhl. „Was an den Wänden war, durfte bleiben, was in der Mitte stand, haben wir weggeräumt“, erklärt Petra Jackl. Im ersten Stock befindet sich im Treppenhaus das Wartezimmer, daneben eine Vitrine mit alten Puppen, die laut Schild „Für den Puppendoktor“ bestimmt sind. Im benachbarten Raum ist das Sprechzimmer, hinter einer Trennwand steht das Ultraschall-Gerät direkt vor einer Vitrine mit alten Rosenkränzen. Die alten massiven Holzbalken hängen tief im Raum, größere Patienten müssen ihren Kopf einziehen – eine stumme Erinnerung daran, wie alt das Gebäude ist.

Als Patient muss man zweimal hinsehen, um zu erkennen, wo das Museum endet und die Arztpraxis beginnt. Zumal Julia Biebel – wie sie selbst sagt – einen „Hang zum Alten“ hat. Ihre Praxis-Einrichtung ist bunt zusammengewürfelt und fügt sich harmonisch in das Museum. Alt und neu vermischen sich hier zu etwas Eigenem. „Viele Patienten loben den Umzug und spüren, dass das hier was Besonderes ist.“

Für ein halbes Jahr bleibt die Praxis im Heimatmuseum. Doch die Lösung stößt eine Diskussion für die Zukunft an: „Der Gemeinderat wird sich damit beschäftigen müssen, wie die Zukunft des Heimatmuseums aussehen soll. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit zur Veränderung“, sagt Petra Jackl.

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