Waldkraiburg – Nach einer Mastektomie bleiben oft nicht nur körperliche, sondern auch seelische Narben. In Waldkraiburg verhilft Permanent-Make-up-Expertin Ina Zierhut Brustkrebs-Überlebenden mit 3D-Pigmentierung zu einem neuen Körpergefühl – und zu dem Mut, wieder in den Spiegel zu blicken.
Ute S. steht vor dem Spiegel in Ina Zierhuts (43) Salon in Waldkraiburg. Die 60-jährige Kundin starrt auf ihr Spiegelbild, ihre nackten Brüste. Zum ersten Mal seit sieben Jahren kann sie sich wieder betrachten – das wird ihr in diesem Moment bewusst. Sie richtet sich auf, strafft die Schultern, und dann kommen die Tränen.
„Ich dachte, g‘sund sein reicht mir, es ändert sich nichts, ob ich Nippel habe oder nicht“, sagt die Frau, der wegen Brustkrebs eine Brustwarze samt Warzenhof entfernt worden war. Eine Narbe blieb zurück.
Diese Narbe hat Zierhut, die Spezialistin und Gutachterin für Permanent Make-up ist, praktisch verschwinden lassen und unter einer Art 3D-Tattoo versteckt. Die Kundin weint immer noch und sagt: „Erst jetzt wird mir bewusst, was mir fehlte, was verloren gegangen war. Ina hat mir das Gefühl zurückgegeben, vollständig zu sein“, erzählt die Frau, die anonym bleiben möchte.
Ina Zierhut hatte während der Pandemie ein Modell via Social Media gesucht, um die Prüfung für diese spezielle Pigmentiertechnik abzulegen. Und Ute S. wurde von ihrer Tochter überzeugt, sich zu melden. Die Linergistin – so der Fachbegriff für Permanent-Make-up-Expertinnen – hat ihr nach der Krankheit Selbstvertrauen zurückgegeben. „Das ist auch für mich sinnstiftend und wertvoll“, sagt Zierhut im Gespräch mit der Heimatzeitung.
Wulstige Narben abflachen
mit Microneedling
Sie verwende die Begriffe Brustwarze und Warzenhof nicht gern, denn mit „Warze“ verbinde man etwas Hässliches oder Ekeliges. „Ich spreche von Mamille und Areola, gebrauche also die medizinischen Begriffe.“
Zu ihr kommen Frauen, die mit ihrem Körperbild hadern und eine Leidensgeschichte hinter sich haben. Die einen haben ihre Brust oder Teile davon durch den Krebs verloren. Andere wollten sich schöner fühlen, ließen einen plastisch-chirurgischen Eingriff vornehmen und waren unglücklich, weil beispielsweise wulstige Narben zurückblieben.
„Bei Schönheitseingriffen kann es zu Komplikationen kommen, etwa dass sich in der Unterbrustfalte Narben entzünden oder gar nekrotisch werden, das kann zu dicken Narben führen“, erklärt Zierhut. Die Wulst könne sie abflachen durch Microneedling, eine Nadel-Behandlung. „Wenn sie flach genug ist, kann ich die Narbe im passenden Hautton mit einem Dermograf pigmentieren. Das Gerät sieht ein bisschen aus wie beim Tätowieren, gestochen wird aber in die oberflächlichen Hautschichten“, erklärt Zierhut.
Für die medizinische Pigmentierung von Areola und Mamille werden Tattoofarben verwendet. Die verbleiben länger in der Haut als reguläres Permanent Make-up bei Augenbrauen oder etwa Lippen. Wie in einem Künstler-Atelier mischt Zierhut verschiedene Pigmente zusammen, um den passenden bräunlichen Ton für jede einzelne Kundin zu finden.
Die Rekonstruktion einer fehlenden Mamille samt Areola sei ein Puzzle. „In der Natur ist die Haut dort auch unregelmäßig pigmentiert. Das ahme ich nach, mit helleren, dunkleren Stellen, Verläufen, Pünktchen, Konturen und Schattierungen, sodass das Ergebnis am Ende möglichst echt aussieht“, so Zierhut.
Wenn eine Kundin noch eine Brustwarze samt Warzenhof hat, kann Zierhut sich an Form, Farbe und Position orientieren. Fehlen beide, ermittelt sie die Platzierung nach dem goldenen Schnitt. Die Farbe muss zum Hautton passen und die Größe kann sich die Kundin anhand einer Schablone aussuchen.
Pro Brust dauere die Pigmentierung zwei bis drei Stunden und koste 500 Euro. Der zweite Termin zum Nachstechen wird mit 120 Euro verrechnet. „Das braucht man in der Regel, denn die oberen Hautschichten nehmen die Farbe nicht gleichmäßig an“, erläutert Zierhut.
Bei OP Nerven
durchtrennt
Gefragt nach der Schmerzstärke erklärt die Expertin, dass es für Frauen, denen Areola und Mamille entfernt worden sei, meist kaum schmerzhaft sei. „Oft wurden während der OP die Nerven in dem Bereich durchgeschnitten. Wenn jemand sehr schmerzempfindlich ist, kann man nach Rücksprache eine schmerzstillende Salbe auftragen“, so Ina Zierhut.
Zu ihr kommen auch Frauen, die von jetzt auf gleich erfuhren, dass sie an Krebs erkrankt sind und in Kürze zur Chemo oder Bestrahlung müssen. „Viele verlieren Kopfhaare, Augenbrauen und Wimpern während der Krebstherapie und damit auch viel Selbstvertrauen. Das sind nicht einfach nur Haare“, sagt die Studio-Inhaberin.
Bei Bestrahlungspatientinnen verfärben sich Lippen manchmal blasslila. Darum muss es schnell gehen mit Augenbrauen, Eyeliner oder Lippenfarbe, denn während der Therapie könne man nicht pigmentieren. „Das Immunsystem ist geschwächt, zudem entzünden sich die Haarfollikel an den Wimpern häufig“, weiß die Expertin.
Einmal monatlich behandelt sie Frauen, die wegen gesundheitlicher Probleme Permanent Make-up möchten, kostenlos. „Pay with a smile“ nennt sich die Aktion, an der sich viele Studios beteiligen – gegen ärztlichen Nachweis über die zugrunde liegende Krankheit.
„Ich würde mir nicht nur wünschen, dass Betroffene vor einer Mastektomie aufgeklärt werden würden über die Möglichkeiten der medizinischen Pigmentierung, sondern auch, dass die Krankenkassen das endlich übernehmen“, sagt Zierhut. Unverständlich sei für sie, dass die Rekonstruktion der Brustwarze aus einem Hautlappen von den Kassen bezahlt werde, nicht aber die Pigmentierung dieses hautfarbenen Bereichs.
Von Ärzten in der Region werde sie abgewimmelt, wenn sie ihre Technik vorstellen möchte. „Da heißt es dann, das braucht man nicht mehr, weil erhaltend operiert wird“, seufzt sie. Natürlich kenne sie wunderschöne OP-Ergebnisse, jedoch gebe es auch viele Frauen, denen es anders erging. „Und gerade für Krebs-Überlebende ist die Psyche, sich wieder wohlzufühlen, ein ganz wichtiger Faktor.“