Waldkraiburg – Generationen saßen bei ihr auf dem Stuhl. Aus Kunden wurden Freunde. Nun sagt Pierina Savo zum Jahresende „Ciao“: 54 Jahre stand sie im selben Friseur-Salon – für viele ein Ort des Vertrauens. „Pierina, mach einfach“ – drei einfache Worte, die tief blicken lassen, die zeigen, welch großes Vertrauen ihre Kunden Pierina Savo entgegenbringen.
Vertrauen, das über Jahrzehnte gewachsen ist. Seit 54 Jahren steht sie in demselben Friseursalon, seit 30 Jahren führt sie ihn.
Mehr als nur die
Frau mit der Schere
Generationen haben hier auf den Stühlen Platz genommen, Kinder, die heute ihre eigenen Kinder mitbringen. Für viele ist Pierina mehr als nur die Frau mit der Schere, sie ist eine Freundin, eine Vertraute. Nun müssen sie „Ciao“ sagen: Die quirlige Italienerin (69) schließt zum Jahresende ihr Geschäft.
„Damit geht hier eine Ära zu Ende“, sagt Pierina Savo. Sie meint damit vorrangig den Friseur-Salon, den es seit 64 Jahren gibt. Doch sie ist ein großer Teil davon: Seit ihrer Lehrzeit steht sie hier. „Ich habe hier angefangen und bin geblieben.“
1985 macht sie aus einer Laune heraus ihren Meister. „Der Kurs wurde damals zum ersten Mal in der Region angeboten“, erinnert sie sich. Ihre Chefin habe sie dabei unterstützt.
Eine Entscheidung, die später ihren Lebensweg bestimmt. „Meine Chefin wurde krank und konnte den Laden von heute auf morgen nicht mehr weiterführen“, erzählt Pierina Savo. Im Januar 1996 wird es offiziell.
30 Jahre später schließt sich der Kreis – und mit ihm auch die Tür ihres Ladens. „Ich hätte schon vor zwei Jahren in Rente gehen können. Aber da war ich noch nicht so weit, es hat mir noch zu viel Spaß gemacht. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Eine schöne Zeit, aber irgendwann ist es auch gut.“
Wenn sie Ende des Monats das letzte Mal abschließt, geht sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil sie künftig mehr Zeit für sich, ihren Partner und ihre Familie haben wird. Weinend, weil ihr die Menschen fehlen werden. „Die vielen Gespräche, Begegnungen und Nettigkeiten – ich habe hier so viele Menschen kennengelernt und Freundschaften geschlossen.“
Es sind Begegnungen, bei denen man nur über einen Spiegel Blickkontakt hält und doch sind sie voller Vertrauen. Hier wurden Sorgen geteilt, Lebensgeschichten erzählt, Freuden gefeiert und Trauer ausgehalten. Und eines wussten alle: „Hier wird nicht getratscht.“
Pierina hört zu, wenn Kunden von Krankheiten, Verlusten oder Tragödien erzählen. Sie freut sich mit ihnen über Geburten, Hochzeiten oder kleine Alltagsglücke. Oft ist sie eingeladen – zu Taufen, Hochzeiten oder Kommunion.
„Als Friseur ist man nicht nur für die Haare zuständig, sondern auch für die Seele“, sagt sie. Eine ihrer ältesten Kundinnen ist 95 Jahre alt und kommt von Beginn an zu ihr. „Manche begleite ich schon in der vierten Generation. Und viele bis zum Schluss.“
„Ich bin Waldkraiburgerin,
aber Italien ist die Heimat“
Ihre Stammkunden freuen sich für sie, auch wenn der Abschied schwerfällt. „Natürlich fragen sich jetzt viele: Wohin soll ich jetzt gehen?“ Ganz so einfach sei es nicht, einen neuen Friseur zu finden. Früher habe es in Waldkraiburg 27 Friseur-Salons gegeben, heute sei es nur noch eine Handvoll alteingesessener Betriebe. „Stattdessen gibt es viele Barber-Shops.“
Dass sie Jahrzehnte im selben Laden steht oder ihn später selbst führen würde, hätte sie als Lehrling nie gedacht. Doch weg wollte sie nie. „Ich hatte einmal ein Angebot für eine Stelle in München, aber ich wollte hierbleiben. Hier war ich gut integriert.“
Mit ihren Eltern kam sie 1969 aus Frosinone, nahe Rom, nach Waldkraiburg. Hier hat sie ihr ganzes Leben verbracht, und doch schlägt ihr Herz für Italien. „Ich fühle mich als Waldkraiburgerin, aber Italien ist meine Heimat.“
Von Dienstag bis Samstag stand sie jeden Tag im Salon, richtete ihr Leben nach dem Geschäft aus – Urlaub, Feiertage, Wochenenden. Besonders im Mai, zur Kommunions- und Hochzeitssaison, oder vor Weihnachten und Ostern sei immer viel los gewesen. „Teilweise habe ich auch sonntags frisiert.“ Aber einmal im Jahr mussten sich die Kunden stets nach ihr richten: zu „Ferragosto“ – den italienischen Ferien rund um Mariä Himmelfahrt – ging es immer in die Heimat.
Corona-Zeit verlangte
Friseuren viel ab
Einfach seien die vergangenen Jahrzehnte nicht immer gewesen. „Aber es war trotzdem eine sehr schöne Zeit.“ Besonders die Corona-Zeit hätte den Friseuren viel abverlangt. „Nicht immer wusste ich, wie ich die Zeit überbrücke, aber ich habe alles geschafft.“
Noch dieser Monat, dann gehört ihr Salon der Vergangenheit an. Ihre Mitarbeiterin wollte den Laden übernehmen, doch familiäre Gründe standen dem entgegen. Auch sonst fand sich niemand. „So lange im Geschäft stehen, auch samstags – das will nicht jeder machen.“
Pierina Savo hat es gerne gemacht. Und wenn ihre Kunden lächelnd und mit einem Strahlen im Gesicht den Laden verlassen haben, war das für sie stets „Lohn genug“.