Mühldorf/Waldkraiburg – Gerade ist sein neues Buch erschienen: „Liebe–notwendiger denn je! Pulsschlag für alle Lebenslagen“ heißt es. Es könnte wieder ein Bestseller werden: so wie viele seiner Werke, etwa „Himmel, Herrgott, Sakrament“ oder die „Schießler-Bibel“.
Doch Rainer Maria Schießler, der schreibende Stadtpfarrer von München, wird am Sonntag, 7. Dezember, in Waldkraiburg aus einem anderen Buch lesen: Aus „Heilige Nacht“ von Ludwig Thoma, eine traditionelle, bayerische Weihnachtslegende, musikalisch begleitet in Waldkraiburg vom Dreigsang der Geschwister Siferlinger und Matthias Pürner an der Ziach. Um 19.30 Uhr geht es los im Haus der Kultur in Waldkraiburg. Viele werden die Lesung mit Musik nutzen, um mal runterzukommen vom Trubel des Advents. Denn die stade Zeit ist längt keine stade mehr, finden viele: Weihnachtsfeiern am laufenden Band, dudelnde Musik in vollen Kaufhäusern, angetrunkene Partyfans, die durch Christkindlmarkt-Gassen wanken, gestresste Menschen mit langen Einkaufslisten.
Warum ist das so, alle Jahre wieder? Warum wird das gefühlt immer schlimmer? Schießler findet: „Das mit der stressigen Weihnachtszeit ist doch auch mittlerweile ein Klischee.“ Er sehe keine genervten Menschen, wenn er auf seinem Weg einen Christkindlmarkt kreuze, sondern glückliche Besucher, die gemütlich beieinanderstehen würden. Und: „Den Stress mache ich mir doch selber, das muss ich aber nicht.“ Die Menschen sollten nicht so viel Energie darauf verwenden, über den vermeintlich anstrengenden Alltag in der Adventszeit zu reden, sondern lieber sich den Problemen zuwenden, „die wir wirklich haben“, appelliert er.
Er würde auch nicht von sich behaupten, 17-mal die „Heilige Nacht“ zu lesen, das sei Stress. Das tue er nicht, denn: „Ich genieße jeden Abend.“ Und wenn jemand gerne von Christkindlmarkt zu Christkindlmarkt fahre, „dann braucht er es, dann ist es auch gut“.
Die Lesungen der „Heiligen Nacht“ sind nach seinen Erfahrungen geeignet, um „runterzukommen“. Doch das heiße nicht, die Aufführung nur zu konsumieren, sich einlullen zu lassen. Schießler möchte mit seiner Präsentation Impulse setzen, zum Nachdenken anregen, die Zuhörer bewegen und in ihnen etwas bewegen.
Mit der Geschichte von Thoma erreicht er die Menschen, so seine Erfahrung. Die Botschaft Christi werde gut übermittelt. Kernaussagen Thomas in den Augen des Pfarrers: „Armut ist nichts Materielles, Armut ist ausgestoßen sein. Reichtum, das ist nicht der Reichtum der Großkopferten, eines Trumps. Reichtum: Das ist Menschenkenntnis und Liebe.“ Die Heilige Nacht hat Thoma 1916 geschrieben, in Versform, auf Bayerisch. Lesen und vortragen kann dies nicht jeder, Schießler, der 2017 die Auszeichnung des Dialektfördervereins, die „bayerische Sprachwurzel“, erhalten hat, kann es perfekt.
Er liest nicht nur, er spielt die Verse, setzt sie auf der Bühne szenisch um, berichtet er. Die Musik von den Geschwistern Siferlinger und Matthias Pürner oder Elisabeth Rehm mit Familie und Rupert Biegel spiele ebenfalls einen sehr wichtigen Part. Schießler stellt trotz gut eingespielter Teams fest: „Jedes Mal ist es anders. Das liegt am Raum, am Publikum, an der Uhrzeit, an der Atmosphäre“, sagt er. Eins sei jedoch immer gleich: „Ich sehe viele, sehr dankbare und glückliche Leute vor mir. Für viele ist die Lesung eine innerliche Vorbereitung auf das Fest.“
Schießler genießt die Zeit seiner Lese-Reise durch Bayern. „Ich liebe Weihnachten“, sagt er: sogar die geschmückten Kaufhäuser mag er, „obwohl ich kein großer Shopper bin. Ich mag es, wenn es überall glitzert.“ Selber feiert er Heiligabend nach dem Gottesdienst in aller Stille: „mit geistlicher Musik und einem schönen Glasl Wein.“
Heike Duczek