Auf den Spuren der Integration: Aßlinger Schüler lernen aus der Geschichte

von Redaktion

Projekt „mehrWert Demokratie“ im Haus Sudetenland – Waldkraiburg als Musterbeispiel für Integration

Waldkraiburg – Die zwei zehnten Klassen der Mittelschule Aßling im Landkreis Ebersberg waren mit ihren Lehrern Kerstin Seidenzahl und Thomas Judt für drei Tage ins Haus Sudetenland gereist, um an einem Projekt der Organisation „mehrWert Demokratie“ teilzunehmen, das unter der Trägerschaft des Bayerischen Schullandheimwerks steht. Von „mehrWert Demokratie“ waren Susanne Reuter sowie die Referentinnen Pia Turainsky und Carolin Schreiber angereist. Der Titel des Projekts lautete „Aus der Geschichte für unsere Demokratie lernen – Integration statt Separation“. Der Lernort war gut gewählt, denn Waldkraiburg ist ein Musterbeispiel für Integration.

Ein zentraler Programmpunkt des dreitägigen Aufenthalts war ein Besuch im Stadtmuseum, wo Stadtarchivar Konrad Kern die 45 Schüler durch das Haus führte. Die jungen Menschen lauschten den äußerst interessanten Ausführungen des Stadtarchivars gebannt. Er erklärte wichtige Eckpunkte der Stadtgeschichte, von der Stunde Null bis zum Wiederaufbau und der Gründung der Bundesrepublik am 23. Mai 1949: „Im Holzbarackenlager, in dem während des Zweiten Weltkriegs die Ostarbeiter gehaust hatten, waren freie Plätze für die vielen Flüchtlinge. Es war für 800 Menschen konzipiert gewesen, teilweise war es aber mit 2.000 Personen belegt. Dort gab es eine Kirche, eine Schule und eine Tanzbaracke, um nur einige zu nennen. Das Leben sollte wieder sinnvoll gestaltet werden.“

Die Führung verlagerte sich aus dem dunklen Erdgeschoss in den ersten Stock. Dieser ist hell gehalten und symbolisiert den „guten Teil“ der Stadtgeschichte, während das dunkel gehaltene Parterre die schwere Nachkriegszeit darstellt. Hier dominiert die Entwicklung der Stadt Waldkraiburg nach 1945.

Konrad Kern erläuterte die Bevölkerungszahlen: „Im Jahre 1950 lebten etwa 2000 Menschen in der Stadt und zehn Jahre später waren es schon 8.000. In das Jahr 1960 fällt auch die Stadterhebung Waldkraiburgs. Sie ist die älteste Stadt in Deutschland, die von Heimatvertriebenen gegründet wurde“.

Die vielen Zuwanderer kamen aus den Gebieten, in denen nach Kriegsende 1945 Deutsche im Osten vertrieben worden waren, zum Beispiel aus Schlesien oder aus dem Sudetenland. In den folgenden Jahren zogen Spätaussiedler aus Rumänien (zum Beispiel Banater Schwaben oder Siebenbürger Sachsen) und Gastarbeiter aus Südeuropa zu. Bevorzugte Länder waren Italien, Spanien oder Griechenland. „In den 1980er-Jahren gab es eine große Welle von Russland-Deutschen in unserer Stadt, die damit ein buntes Gemisch von Nationalitäten aufweist.“ Mitte der 1980er-Jahre stieg die Einwohnerzahl auf etwa 25.000 Menschen, heute liegt diese bei etwa 26.000. Entscheidend für die vielen Neuankömmlinge war die Industrie, da die Neubürger Arbeit brauchten. Sie gaben ihrer neuen Heimat jedoch auch etwas sehr Wertvolles: ihr Können und ihre handwerklichen Fähigkeiten.

Konrad Kern erzählte weiter: „Die Fernsehsendung ‚Spiel ohne Grenzen‘ war damals, als es mit ARD, ZDF und Bayerischem Fernsehen nur drei Programme gab, ein Straßenfeger. Waldkraiburg hatte die deutsche Qualifikation für die internationale Spielrunde gewonnen. Anschließend siegte unsere Stadt auch in der Endrunde, an der zwölf europäische Länder teilnahmen, im schweizerischen Bern knapp vor Italien. Dieses Finale wurde live in alle beteiligten Länder übertragen und Waldkraiburg wurde in ganz Europa bekannt gemacht.“

Peter Maffay ist ebenfalls eine wichtige Figur im Stadtmuseum. Der bekannte Sänger und Komponist kam aus Siebenbürgen in Rumänien nach Waldkraiburg, baute hier seine internationale Karriere auf und schenkte dem Stadtmuseum seine Gitarre.

Auch über eine Besonderheit wusste der Stadtarchivar Interessantes zu berichten: „Im Museumskino Scala kann man zehn verschiedene Dokumentationen ansehen.“ Nach der Führung wurden die Schüler in Gruppen aufgeteilt und erledigten Arbeitsaufträge, die ein breites Spektrum umfassten. Einige Lösungen ergaben sich aus der Führung von Konrad Kern, andere mussten im Museum erarbeitet werden.

Den Abschluss des Projekts bildete eine Gesprächs- und Diskussionsrunde mit Bürgermeister Robert Pötzsch. Die Möglichkeit, mit einer aktiven Person aus der Politik ins Gespräch zu kommen, sollte abschließend den Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart spannen sowie politische Teilhabe und Prozesse den Jugendlichen greifbarer machen.hra

Artikel 1 von 11